Von Frank Otte

Jeder Bürger hat einen Anspruch darauf", so der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher am 3. Dezember 1971 in der Bundestagsdebatte über das von ihm initiierte Umweltprogramm, "daß er und seine Kinder sauberes Wasser und gesunde Luft zum Atmen haben, nicht durch Lärm gestört werden und nicht Sorge vor Giften und Schadstoffen in Gebrauchsartikeln und Nahrung zu haben brauchen."

Das klang in den Ohren der Bürger verheißungsvoll. Es brauchten nur noch Experten gefunden zu werden, die diese Aufgaben anpacken und auch lösen. "Umweltgestaltung und Umweltschutz setzen voraus", so ist im Umweltprogramm der Bundesregierung zu lesen, "daß fachlich geschultes Personal in ausreichender Zahl zur Verfügung steht." Aus- und Weiterbildung hält die Bundesregierung in diesem Bericht für "vordringlich". Auch diesem Vorhaben ist breite Zustimmung gewiß. Doch seiner Durchführung stellen sich erhebliche Hindernisse in den Weg.

Dem "Umweltschützer" (eine treffende Bezeichnung für diesen Beruf wird noch gesucht) eröffnet sich ein weites Betätigungsfeld. Es reicht von der Abfallbeseitigung über die Arbeitsmedizin, den Arbeitsschutz, die Biowissenschaften, Ernährung, Lärmbekämpfung, Luftreinhaltung, Meeresbiologie, Naturschutz, Pflanzenschutz und Strahlenschutz bis hin zur Wasserforschung und dem Gewässerschutz.

Typisch ist der Berufsweg von Werner Obenhans, Referent für Umweltrecht und Grundsatzfragen der Umweltverträglichkeit im Bundes-Innenministerium; Studium der Jurisprudenz, nach dem zweiten Staatsexamen 1960 zunächst in der Bundesgrenzschutzverwaltung, dann im Bundesinnenministerium für Grenzschutz und zivile Verteidigung zuständig, seit 1972 Referent für Umweltfragen. Obenhans fühlt sich weniger als Jurist denn als Umweltplaner. Begriffe wie integrierte Umweltplanung, gesellschaftspolitische Zielkonflikte, Denken in Zielmittelkategorien gehen ihm flott von der Zunge. Obenhans: "Wer möchte nicht Strom für seinen Fernseher? Aber: Will man auch die Kernkraftwerke, um die Energielücke zu stopfen? Wer möchte nicht den Autobahnanschluß vor der Haustür? Aber: Der Bürger will gleichzeitig ruhig schlafen."

So ausufernd das Arbeitsgebiet eines Umweltschützers auch ist, so wenig sind die Qualifikationen konkretisiert, die er erfüllen soll. Wird ein "Umwelt-Supermann" oder ein Spezialist gebraucht? "Ein Universalstudium ist nicht vorstellbar", gibt Hubert Nachtsheim vom Verband der chemischen Industrie zu bedenken. "Es würde den Anforderungen der betrieblichen Praxis nicht gerecht werden, Mit einem soliden Fachstudium kann sich, der Ingenieur in die speziellen Anforderungen des Betriebs leicht einarbeiten." Auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) glaubt nicht, daß es einen Umweltingenieur geben kann, der auf allen Gebieten von Umweltschutz und Umweltgestaltung zu Hause ist.

Diese Auffassung haben sich auch die meisten Universitäten und Fachhochschulen zu eigen gemacht und den Komplex der Wechselbeziehungen zwischen Technik und Umwelt in das bereits vorhandene Vorlesungsangebot integriert. Studienbegleitende Lehrveranstaltungen bieten unter anderem die Universitäten und Technischen Hochschulen Aachen, Bremen, Darmstadt, Stuttgart, Karlsruhe, Hannover, Braunschweig, Berlin, Bremen und München.