Von Peter Marchal

Gesellschaftsbezogene Unternehmensführung, Abkehr vom reinen Gewinndenken, soziales Engagement der Unternehmer – so oder ähnlich werden die ersten "Sozialbilanzen" umschrieben. Nächste Woche will die Bertelsmann AG als erster deutscher Verlag einen "Sozialbericht" vorlegen.

Auf einem fast revolutionären orangeroten Grund druckt die Saarbergwerke AG für das Jahr 1973 eine Bilanz, von der sie selbst vorweg sagt, sie sei "eigentlich keine Bilanz, sondern – zumindest beim gegenwärtigen Erkenntnisstand – eine Aufwandsrechnung". Dennoch trägt sie den anspruchsvollen Titel "Sozialbilanz" und weist aus, daß das Unternehmen im letzten Jahr soziale Aufwendungen von fast 850 Millionen Mark hatte.

Mit der Sozialbilanz, die einmal gleichberechtigt neben der gesetzlich vorgeschriebenen Handelsbilanz mit der Gewinn- und Verlustrechnung stehen soll, will das Unternehmen einen Beitrag zu "dem hinter ihr stehenden Gedanken der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen der öffentlichen Hand leisten".

Die Vorstellungen von einer Sozialbilanz kommen aus Amerika; doch gibt es auch eine Handvoll deutscher Unternehmen, die sich damit befassen – die Versicherungsgesellschaft Deutscher Ring beispielsweise, die Kölner Computerfirma Honeywell-Bull, die ITT-Tochter SEL oder auch die Ruhrkohletochter STEAG. Bei der Frankfurter Stiftung "Gesellschaft und Unternehmen" haben sich interessierte Betriebspraktiker und Wissenschaftler zu einem Arbeitskreis "Sozialbilanz und gesellschaftliche Nutzenrechnung" zusammengefunden.

Der Arbeitskreis hat sich zum Ziel gesetzt, "nicht nur die Entwicklung auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmens zu forcieren, sondern auch die Anstrengungen der Unternehmen zu koordinieren, die mühsam nach Kriterien für den Inhalt wie auch die Bewertung der einzelnen Positionen einer gesellschaftlichen Nutzenrechnung oder Sozialbilanz suchen".

Hauptdenker im Frankfurter Kreis ist der zweiunddreißigjährige Meinolf Dierkes, hauptamtlich Abteilungsleiter im renommierten Batelle-Forschungsinstitut. Seine Gedanken schöpft er vor allem aus seiner Professur an der amerikanischen Carnegie-Mellon University und Kontakten mit etwa 25 amerikanischen Firmen, die bereits Sozialbilanzen aufstellen.