Von Bernd Rohde

Da hätten denn also doch die Pessimisten recht behalten? Die, die schon immer in der "Liberalität" des jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus bloß eine bessere Fassade sahen und den mutig um ein Stückchen wissenschaftlicher Freiheit und gegen stalinistische Deformationen streitenden "Praxis"-Marxisten ein baldiges Ende voraussagten? Die, welche die Unterdrückung der Intelligenz gleichsam für eine, sozialistischen Systemen immanente Notwendigkeit halten?

Immerhin hat, so ließe sich entgegnen, der Kreis nonkonformistischer Hochschullehrer um die international renommierte Philosophenzeitschrift "Praxis", die Ernst Bloch einmal "die beste unserer Zeit" genannt hat, dem Druck einer mehr als zweieinhalbjährigen Kampagne standzuhalten vermocht. Trotz vieler Nötigungen beharrten vor allem an der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad die akademischen Selbstverwaltungsorgane unbeirrt auf ihren autonomen Rechten.

Die acht undogmatischen "Praxis"-Dozenten, vorigen Winter in einer wahren Hexenjagd als "staatsfeindlich-anarchistische und kriminelle Elemente" wütend attackiert, blieben zunächst auf ihren Posten. Angemerkt werden muß deshalb auch das: Welches andere sozialistische Land, welche kommunistische Partei hätte wohl so viel Langmut mit ein paar aufmüpfigen Intellektuellen gezeigt?

Aber nun, in einer neuen Phase innerjugoslawischen Verhärtung, scheint die Geduld zu enden, scheint kritisches marxistisches Denken endgültig vor dem Monopolanspruch konservativer Parteibürokraten kapitulieren zu müssen, beginnen administrative Maßnahmen die Argumente zu ersetzen. Besonders schlecht steht es um die nach verbliebenen sieben Belgrader "Praxis"-Mitglieder (der Soziologe Svetozar Stojanović lehrt derzeit in den USA). Sie müssen jeden Tag damit rechnen, von der Universität entfernt zu werden, seit das serbische Parlament Ende November eine abermalige Änderung des Hochschulgesetzes verabschiedet hat. Entscheidender Punkt: Im Falle der "Bedrohung gesellschaftlicher Interessen" sollen demnach künftig alle Hochschulmitarbeiter in Serbien durch einfachen Regierungsbeschluß "zur Disposition gestellt", sprich zwangsweise an einen anderen Arbeitsplatz oder gleich in den Ruhestand versetzt werden können. Daß dieser staatliche Eingriff die akademische Selbstverwaltung in Serbien lahmlegen und sie zur Karikatur degradieren würde, kümmert die Parteifunktionäre dabei wenig.

Mit dem demokratischen Anspruch der sozialistischen Selbstverwaltungsidee ist in Jugoslawien während der letzten beiden Jahre ohnehin oft mehr Propaganda als Ernst gemacht worden. "Die sollen ruhig Angst haben", antwortete der serbische Präsident Dragoslav Marković,, ein polistisches Chamäleon, kürzlich beim Staatsempfang zum jugoslawischen Nationalfeiertag spöttisch auf die Frage, ob und wann das neue Hochschulgesetz angewendet werde.

Im Kreuzfeuer zu stehen, beschimpft und verleumdet zu werden, ist für die drei Dutzend jugoslawischen Philosophen und Soziologen, die sich um die im elften Jahrgang in Zagreb erscheinende Zeitschrift scharen, nichts Ungewöhnliches mehr. Als leidenschaftliche Kritiker sowohl bürokratisch-orthodoxer Entartungen wie neokapitalistischer Restaurationstendenzen im jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus hatten sie eigentlich immer irgend jemandem aus der Parteioligarchie auf den Fuß getreten. Mit unverhohlenem Argwohn verfolgte die Spitze des Bundes der Kommunisten überdies die Arbeit der alljährlich vom "Praxis"-Kreis auf der Adria-Insel Korcula veranstalteten "Sommerschule", jener einzigartigen philosophischen Gesprächsrunde, an der sich auch nichtsozialistische Wissenschaftler, Politiker, Publizisten und Studenten aus aller Welt beteiligten. Aber in dieser, von der heutigen Parteiführung als "liberalistisch" verdammten Phase der Belgrader Innenpolitik gab es doch jedenfalls eine größere Toleranz und genügend Raum für neue Marxismus-Interpretationen, ohne die das Bild vom humanen jugoslawischen Sozialismus, sein Ansehen vor allem im Westen, kaum hätte entstehen können.