Sie sind zum roten Tuch für die Springer-Presse und für die CDU/CSU geworden, werden eingeschüchtert, bedroht, denunziert, und nun sind Sie auch für die CDU-Vertreter im NDR-Verwaltungsrat "nicht länger tragbar". Warum sollen Sie geschaßt werden?

MERSEBURGER: Ich würde mit Heinrich Böll antworten: Weil ich die kriminelle Sünde der Differenzierung begehe.

Differenzieren, Argumentieren, Nachfragen, zu Besonnenheit und Vernunft raten, das tun Sie vor allen Dingen in der Baader-Meinhof-Auseinandersetzung. Man wirft Ihnen vor, einer Gruppe von Terroristen politische Motivationen zu unterstellen.

MERSEBURGER: Ja,Differenzierung und Besonnenheit ist gerade dann wichtig, wenn eine kleine Gruppe von Systemgegnern, die in Gefängnissen einsitzen und zum Teil noch frei rumlaufen, denen jedes Mittel recht ist, dieses System aus den Angeln zu heben, wenn die eine große Haßwoge in unserer Gesellschaft auslösen. Ich fürchte, daß der Haß der Baader-Meinhof-Terroristen gegen das System vielen dazu dient, die Mobilisierung des eigenen Haßpotentials zu rechtfertigen. Dies ist ein zutiefst irrationaler Prozeß, und es ist ganz selbstverständlich, daß in einer solchen Auseinandersetzung, die vom Haß auf beiden Seiten geprägt ist, derjenige leicht zwischen die Mahlsteine gerät, der nicht bei dem großen konformen Empörungsritual mitmacht, sondern nüchtern bleibt und versucht, immer noch zu analysieren. Denn der Haß hat in einer rechtsstaatlichen Auseinandersetzung keinen Platz auf der Seite derer, die den Rechtsstaat vertreten.

Die Frage, ob es sich hier um politisch motivierte Kriminelle oder um reine Kriminelle handelt, ist für mich ein Scheingefecht. Jeder, der sich mit den Schriften dieser Kriminellen beschäftigt, wird feststellen, daß es politisch motivierte Kriminelle sind. Aber es ist typisch für den Charakter der Auseinandersetzung, daß die breite Mehrheit dies nicht wahrhaben will. Diejenigen, die sich zu Sprechern dieser Mehrheit berufen fühlen, sind offenbar zutiefst erschrocken darüber, daß es in einer vermeintlich so schönen Welt intelligente junge Menschen gibt (und an der Intelligenz der meisten dieser Täter zweifelt ja niemand, auch nicht das Bundeskriminalamt), die mit kriminellen Mitteln dieses System so radikal bekämpfen. Das Erschrecken darüber ist so groß, daß mancher politische Motivationen nicht wahrhaben will und sie zu reinen Kriminellen abstempelt. Denn das ist bequemer. Dabei werten einige diese Kriminellen doch zu Gesinnungstätern auf, wenn sie sie Anarchisten nennen. Denn der Anarchismus ist eine politische Bewegung, deren Substanz keineswegs die Gewalt war, sondern die ursprünglich eine herrschaftsfreie Gesellschaft freier Menschen wollte, allerdings eine antikapitalistische Gesellschaft. Insofern stand der Anarchismus immer links. Und deshalb hat Sartre auch Andreas Baader besucht, das meinte er, als er von "Sympathie a priori" sprach.

Die Baader-Meinhof-Terroristen wirken aber gegen die Linken. In der Auseinandersetzung werden inzwischen Linke, Sozialisten, Extremisten, Anarchisten und Verbrecher in einem Atem genannt.

MERSEBURGER: Die anarchistische Bewegung war im Grunde zunächst eine gewaltfreie Bewegung und wollte ja auch auf staatliche Gewalt verzichten; erst nach und nach hat man auch zum Mittel der Gewalt gegriffen. Ich frage mich sogar, ob die Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe Anarchisten sind. Meiner Ansicht nach praktizieren sie ein Konzept der Stadtguerilla, das mit der klassischen anarchistischen Bewegung überhaupt nichts zu tun hat. Das Konzept dieser Gruppe erscheint mir völlig irreal und ohne jeden Realitätsbezug.