Von Alfred Grosser

Jean-Paul Sartre verdient gewiß Kritik – aber nicht so. Das schlechteste Argument gegen ihn ist das der Taktlosigkeit: „Da kommt einer aus Frankreich herüber, es wird ihm gestattet, mit einem Strafgefangenen zu sprechen, und dann kritisiert er öffentlich die Bundesrepublik, ihren Staat, ihre Gesellschaft, ihre Justiz!“

Bitte Vorsicht: Wie gern hat man doch in Deutschland die Taktlosigkeit jener Franzosen gesehen, die bald nach Kriegsende die Methoden der französischen Besatzung und – zusammen mit aufbau- und veränderungswilligen Deutschen – alles kritisierten, was einer demokratischen Erneuerung Deutschlands im Wege stand. Jean-Paul Sartre hat damals zu den Mitbegründern des Comité Français d’Échanges avec l’Allemagne Nouvelle gehört, das zum gemeinschaftlichen Wirken mit Deutschen in Deutschland und in Frankreich aufrief. Sartres Zeitschrift Les Temps Modernes veröffentlichte als zweite (nach Emmanuel Mouniers Esprit) eine Sondernummer über das zerstörte Deutschland, welche die Franzosen über die nuancierte Wirklichkeit Deutschlands und über die französische Mitverantwortung für seine Zukunft aufklären wollte. Für all jene Franzosen, die nach 1945 solche Mitverantwortung empfunden und in Taten umgesetzt hatten, klingt der Vorwurf, Sartre mische sich in innerdeutsche Angelegenheiten ein, etwas absurd.

Hinzu kommt, daß auch die bundesdeutsche Ethik es gewiß nicht bei einem „Jeder kehre vor seiner Tür“ verbleiben läßt. Würde man sich sonst so viel um Solschenizyn kümmern? Und noch eines: Wollen wir Europa oder nicht? Wenn ja, dann gibt es keine Taktlosigkeiten in der Kritik von „Ausländern“, denn dann sind wir alle „Inländer“ der Gemeinschaft, wo es gilt, sich um die politische, die gesellschaftliche und die geistige Entwicklung Sorgen zu machen.

Ja, Sartre verdient Kritik. Zunächst wegen einem Mangel an kritischer Quellenforschung, die doch eigentlich jedem Intellektuellen geläufig sein sollte. Im Fall Baader scheint seine Information völlig einseitig gewesen zu sein, so einseitig wie all das, was die von ihm veröffentlichten oder unterstützten „revolutionären“ Zeitungen oder Zeitschriften in jeder Nummer bringen.

Man darf gewiß auch seine Beweggründe kritisieren, die bei allen Menschen zweideutig und widersprüchlich sind (und welcher Philosoph hat öfters und besser als Sartre auf das unlösbare Problem der Aufrichtigkeit hingewiesen?): In seinem Zusammenwirken mit jungen Menschen ist gewiß eine gute Dosis Angst vor dem Altern enthalten, die mitunter bis zur Anbiederung führen kann, häufig auch bis zu einer nicht immer würdigen Verleugnung der eigenen intellektuellen Vergangenheit.

Solche Verleugnung hebt allerdings nicht die bemerkenswerte Kontinuität in Sartres Grundeinstellung auf – eine Kontinuität, die Widersprüche und Ungereimtheiten verewigt. Es ist kein Zufall, daß es Sartre nie gelungen ist, seine seit zwanzig Jahren angekündigte Ethik zu schreiben; auch nicht, seine Auffassung der Politik, seine Einstellung zur Politik systematisch darzustellen; Unter mindestens drei Aspekten ist diese Widersprüchlichkeit, diese Ungereimtheit für seine Stuttgarter Reise von Belang.

1. Welches Recht hat die Gesellschaft, die Freiheit des einzelnen zu beschränken, wenn es um dessen Verfügungsgewalt über sich selbst geht? Die Gesellschaft sei schuldig, sagt Sartre, Holger Meins nicht vor dem Tode bewahrt zu haben. Aber als in Frankreich über Hasch diskutiert wurde, da behauptete Sartre, niemand dürfe die Freiheit zur Selbstzerstörung antasten. Er bezog damals ausdrücklich das Recht zum ungestörten Selbstmord ein.

2. Was ist das Gesetz? Was ist das Recht? Was ist der Rechtsstaat? Sie sind – so Sartre – lediglich der Ausdruck eines bestimmten Machtverhältnisses. Die Manipulation der herrschenden Klasse besteht vor allem darin, daß sie. die Unterdrückten dazu bringt, an ein für alle gleiches Recht zu glauben. Zugleich aber führt Sartre energische Kampagnen gegen Rechtsverletzungen, gegen die Nichterfüllung von sehr traditionellen, sehr bürgerlichen Grundrechten in den bösen kapitalistischen Ländern – als gäbe es tatsächlich dort die freiheitlich-demokratische Grundordnung die nur zu verbessern, nicht als reine Heuchelei zu beseitigen wäre.

3. Dieser nette, bescheidene, friedfertige Mann hat ein merkwürdiges Verhältnis zur Gewalt. Manchmal könnte man Sartre als Pazifisten bezeichnen. Manchmal schreibt er schlechthin blutrünstige Sätze. So zum Beispiel in seinem Vorwort zu Fanons berühmtem Buch „Die Verdammten dieser Erde“: „In der ersten Zeit des Aufstands muß getötet werden: Einen Europäer erschlagen, heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt zu schaffen. Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.“ Und zuweilen verwirft er die Gewalt als unnütz, als schädlich für die Sache der Befreiung der Unterdrückten. So in seinem Stuttgarter Interview.

Die Widersprüche aufdecken, der Leichtgläubigkeit entgegentreten: einverstanden. Aber diesen Mann verunglimpfen und verachten wollen, das, was er sagt, nicht beachten wollen: nein. Niemand ist völlig aufrichtig. Doch wer wäre aufrichtiger als dieser Schriftsteller und Philosoph, den die westliche Welt 1964 als Nobelpreisträger für Literatur zu feiern bereit war, als er den Preis ablehnte, weil er sich selbst treu bleiben wollte? Und hat man nicht sehr wohl auf ihn gehört, diesen Mitläufer der Kommunisten, als er 1956 seine Stimme gegen die sowjetische Gewaltanwendung in Budapest erhob? Ist er, der heute gegenüber seinen Freunden von der extremen Linken die Rechte Israels verteidigt und gegen die Haltung der Unesco Stellung nimmt, wirklich ein Fanatiker?

Wenn man zum Grundsatz hat, immer auf der Seite der Unterdrückten, der Benachteiligten, der Bedrohten zu stehen, dann kann man sich irren, kann man übertreiben, kann man sogar ungerecht werden. Da sollte man aber Anspruch darauf haben, zunächst einmal von denen beachtet und gehört zu werden, die ständig das Wort Gerechtigkeit im Munde führen, vor allem wenn sie als Christen, besonders als Anhänger einer sich christlich nennenden Partei den Auftrag erhalten haben, den Schwachen beizustehen und auf jede Selbstgerechtigkeit zu verzichten.

Holger Meins war ein Fanatiker? Im Baader-Meinhof-Prozeß wird es um echte Verbrechen gehen? Gewiß. Aber muß nicht die Frage gestellt werden, warum die Angeklagten so geworden sind? Wenn man auch Sartres Schilderungen unserer Gesellschaft für unzutreffend hält – müßte man sich nicht darüber klarwerden, warum sie in den Augen mancher Heranwachsenden genau so aussieht, wie er sie beschreibt? Ce sont nos fils“ – es sind unsere Söhne, sagten viele im Frankreich von 1968, um das schuldbewußte Sympathiegefühl zu erklären, daß sie den Rebellen gegenüber empfanden. Warum ist dieses Empfinden in der Bundesrepublik so selten? Nichtverstehen-Wollen ist ein Zeichen entweder des Fanatismus oder der inneren Unsicherheit. Fanatismus ist kein freiheitlich-demokratisches Gefühl. Und muß die Bundesrepublik wirklich noch auf Jahrzehnte hinaus die Unsicherheit ihrer Anfänge weiter empfinden?

Sartre wählte seinem Mitgefühl die aus seiner Sicht beklagenswerten Opfer aus. Aber war denn der ermordete Berliner Richter kein Opfer? In dieser Frage liegt das beste Gegenargument. Vorausgesetzt, daß es ernst gemeint ist: daß man selber auch das Schicksal aller Opfer beklagt und jenen, denen noch zu helfen ist, auch wirklich hilft. Zum Beispiel, indem man sich nicht weigert, in ihrem Leben bedrohte Menschen aus Südamerika aufzunehmen, wiewohl sie sehr weit links stehen. Oder indem man auf eigenem Boden dem Schicksal der Lehrlinge nachgeht, um zu verhindern, daß die „freie Entfaltung“ ihrer Person zum Hohn wird und geistig sie verkrüppeln.

Sartre gibt Baader nur in der Taktik unrecht, nicht wegen der Gewaltanwendung schlechthin. Seine Auffassung von der Gewalt ist nur zu widerlegen, wenn der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland in seiner jüngsten Erklärung recht hat, in der es heißt: „Die Anwendung der Gewalt oder ihre Duldung stellt einen letzten verzweifelten Ausweg dar, der im freiheitlichen Rechtsstaat nicht notwendig ist.“ Nicht notwendig, weil für alle jede Freiheit und jedes Recht gleich verwirklicht sind oder weil wenigstens sich alle mit gleichen Chancen für eine solche Verwirklichung einsetzen können.

Ganz gleich können diese Chancen nie sein. Aber nur, wer einsieht, daß sie „gleicher“ sein könnten, und sich politisch dafür einsetzt, sie „gleicher“ zu machen, das heißt, der jede schleichende, versteckte Gewaltlage beseitigen will, ist wirklich dazu berechtigt, ohne Pharisäertum die offene Gewalt anzuprangern.

Gewiß, Polizei und Gerichte sind dafür da, die Gewalt zu verhindern oder zu bezwingen. Und unsere Gesellschaft ist nicht so, wie Sartre sie darstellt. Aber es gibt bessere Beweismittel als den herablassenden Ton. Der beste Beweis dafür, daß in unserer Gesellschaft „etwa notwendige Änderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse auf demokratischem Weg möglich sind“ – um noch einmal den Rat der EKD zu zitieren –, „das ist die Bereitwilligkeit der Privilegierten des Geldes, des Standes oder der Bildung, sich über die Natur ihres Privilegs belehren zu lassen“. Auch von einem unvollkommen informierten Philosophen aus Frankreich. Wer wäre denn über die gesellschaflichen Verhältnisse seines eigenen Landes vollständig informiert?