Von Melchior Schedler

Das Weihnachtsmärchen: die Klage darüber ist fast so alt wie die Sache selbst. Geboren in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, blieb es nur bis in die neunziger Jahre hinein eine unangefochtene Gattung des (hochbürgerlichen) Ausstattungstheaters – ein vitaler, selbstsicherer und bei aller Korrumpiertheit mit sich selbst einverstandener Bastard des kulinarischen Theaters. Aber nur bis um 1895: denn da bereits richtete sich der mißbilligende Blick der Schulräte, der wilhelminischen Pädagogikbeamten auf das Gassen- und Gossenkind und taxierte es als erzieherisch (und überhaupt) minderwertig. Schon weil sich die beamteten Schuloberen nicht vorzustellen wagten, das Theatersinnliche und das Kindliche könnten irgendwie zusammengehen.

Der sich durch die Jahrzehnte verstärkende Tadel der Amtspädagogen indes konnte dem Weihnachtsmärchen nicht den Garaus machen. Er bewirkte lediglich, daß es abmagerte, schäbig und infantil und ängstlich daherkam und daß Theaterspaß und Kindertheater zwei Paar Stiefel wurden. Der Tadel ist seitdem, nunmehr vom Feuilleton übernommen, zur Tradition und zum lieben Ritual erstarrt, dem man sich zum Jahresende wieder und wieder unterwirft. Dabei war gerade die Weihnachtszeit in den letzten fünf Jahren des großen Aufbruchs im Kindertheater die schlechteste Plattform, von der aus sich der tatsächliche Zustand dieses Genres hätte überblicken lassen. Das Weihnachtsmärchen machte noch immer Kasse, und es durch realistische und gar aufmüpfige Gegenwartsstücke zu ersetzen (wie sie das Jahr über auf dem Spielplan standen), wäre unnützer Heroismus gewesen, den man von den Intendanten und Verwaltungsdirektoren nicht erwarten konnte.

Auch das scheint sich nun aber allmählich zu ändern, wie sich am novemberlichen Premierenspiegel dieses Jahres ablesen läßt. Einmal zähle ich da immerhin die "Ruckzuckmaschine" des Westberliner "Grips"-Theaters, einmal den anspruchsvollen "Prinzen von Portugal" des Tieck-Adepten Joachim Knauth, einmal den "Gestiefelten Kater" der Tieck-Kopistin Alice Toen. Daneben zähle ich zwei Aladine, zwei Hotzenplötze, zwei Drosselbärte und zwei "Verzauberte Brüder" des sowjetischen Altmeisters Jewgenij Schwarz, der außerdem mit zwei Rotkäppchen und dem "Zar Wasserwirbel" vertreten ist. Bewußtloses Feen- und Flittertheater findet also – das meine These – selbst zu merkantil günstiger Zeit nicht mehr statt. Seine Uhr ist auch sonst abgelaufen, wenn man der (gewiß lückenhaften, gewiß schludrigen, gewiß von planungsfaulen Dramaturgen unzureichend belieferten) Vorschau auf die laufende Spielzeit im Jahresheft von "Theater heute" glauben darf. Was beim Befund zur Weihnachtssaison nur erst Hypothese war, erhärtet sich hier zur Gewißheit: "Grips" ist gut behauptet, "Hotzenplotz" weit abgeschlagen. Zweimal wird der vielschichtige, artifizielle "Prinz von Portugal" des Joachim Knauth notiert, zweimal das "Untier von Samarkand" von Peter Hacks’ Frau Elisabeth Wied, fünfmal die "Verzauberten Brüder". Ganz obenan aber stehen "Ein Fest bei Papadakis" mit sechs Vorankündigungen und Paul Maars "Kikerikiste" mit gleich neun Nennungen.

Die "Kikerikiste" ist also im Augenblick der Favorit des Kindertheaters hierzulande. In der Spielzeit 1973/74 ging sie zehnmal über die Bühnen, und nun schon wieder neun weitere Buchungen ... da muß doch was dran sein. Den Erfolg der "Kikerikiste" kann man sicherlich nicht einfach und nüchtern damit erklären, daß Maar den Theatern, die ihn spielen, einen erfreulich geringen Aufwand abfordert: drei Schauspieler, kein Bühnenbild, keine Bühnenmusik, Requisiten denkbar schlicht, und die Kostüme lassen sich notfalls aus dem Fundus eines jeden Stadttheaters zusammensuchen, das irgendwann mal "Das Feuerwerk" oder "August August, August" auf dem Programm hatte. Ein Kassenstück also, weil es ein Sparstück ist, weil es den Intendanten hilft, Prospekte und Maschinen zu schonen?

Die "Kikerikiste", das wollen wir mal dem Stadttheater zugute halten, kann nicht attraktiv sein allein ihrer Billigkeit wegen. Aber weswegen sonst noch? Maar erzählt da eigentlich keine Geschichte, keine Fabel. Er erzählt eigentlich überhaupt nicht, ist ganz unliterarisch: Er läßt Vorgänge spielen. Zwei dumme Auguste hausen in zwei Kisten. Der eine ist dick und ein bißchen schlauer als der andere. Der ist nicht so schlau und wird dafür immer von dem anderen ein bißchen kurzgehalten, aber nicht so, daß sich der Zuschauer zu seinen Gunsten empören müßte: Maar will keine Emanzipationsbotschaften verbreiten.

Er läßt die beiden Auguste tapsige kleine Histörchen durchstehen: Sie machen das alte Kinderspiel, wo einer Wasser schluckt und es dem anderen ins Gesicht spucken will, aber der ändert fortwährend die Spielregeln, und der mit Wasser Vollgepumpte wird’s nicht los, und als er vor lauter Luftnot zur Unzeit japst, da... Oder das andere Spiel, wo einer des anderen Eigentum demoliert, und der Eigentümer wehrt sich gar nicht, sondern steht (den Vorgang des Demolierens technisch interessiert studierend) bloß voyeurhaft dabei, und dann geht’s andersherum, und nun demoliert er das Eigentum des Demolierers, und der steht dabei... Oder das Spiel, wo zwei immer zusammen gespielt haben, und plötzlich ist einer gekränkt durch den andern wegen irgendwas und schließt sich ab und erfindet nun mit einem Mal ganz privatissime und außerhalb des traditionellen gemeinsamen Spiele-Kanons ein neues, fremdartiges Spiel (dabei ist es gar kein Spiel, sondern nur die Caprice eines beleidigten Augenblicks, und bloß aus Verbocktheit entstanden), und der andere tritt interessiert näher und will mitmachen, aber der Spielerfinder läßt den andern nicht und steigert sich rein in sein Nicht-Spiel, das vor lauter gekränktem Eifer sich allmählich dann doch zum richtigen Spiel mausert, oder, oder...