Bundespräsident und Bundeskanzler haben ihre Amtssitze neu eingerichtet – der eine mit Bebel, der andere mit Geschmack.

Nun ist der Rollenwechsel in Bonn über die Personen hinaus auch in der Szene zu bestaunen. Die Organe, als welche der Bundespräsident und der Bundeskanzler anzusehen sind, haben sich eingerichtet. Wie sie es taten, lädt durchaus zu politischen Betrachtungen ein, und regt wohl an, etwa über die Ambivalenzen eines Konservativen und eines Progressiven nachzudenken. Und wir stoßen auf eine sehr elementare Erkenntnis, die festgefügte und vorgefaßte Meinungen umstoßen könnte, hätten wir nicht schon längst gewußt, daß nicht alles, was politisch konservativ scheint, zu einem ganz individualistischen Progressismus fähig ist, und daß, was sich politisch progressiv schürzt, ein potentieller Nostalgiker ist.

Die Rede ist von unseren ersten Bürgern, von Walter Scheel, dem Bundespräsidenten, und von Helmut Schmidt, dem Bundeskanzler. Sie haben ihre Dienstsitze, ja, was nun – umgestalten oder entrümpeln lassen? Scheel ließ die Villa Hammerschmidt umgestalten, Schmidt, wie nicht anders zu erwarten, sein Amtszimmer entrümpeln – aber wir stehen nicht an zu vermuten, daß Geschmack und Takt sich überwiegend im Präsidialamt aufgehalten haben müssen, als es auf sie ankam. Schmidt überdies kehrt dem Palais Schaumburg demnächst den Rücken und bezieht den dieser Zeit vielleicht gemäßeren, aber schrecklich funktionalen Neubau, der, einer Art politischer Gesamtschule ähnlicher als einem die politische Gewalt repräsentierenden Bau, fürderhin wohl in einem Atemzug mit dem Elysee-Palast, mit Downing-Street 10, mit dem Weißen Haus genannt werden muß. Horribile dictu!

Scheel machte aus der Not eine Tugend, weil der Traum vom Sechzig-Millionen-Mark-Repräsentationssitz dem neuen Schick der Enthaltsamkeit geopfert werden mußte. Die 700 000 Mark für die Erneuerung hat er trefflich einzusetzen gewußt. Schmidt machte in der vermeintlichen Tugend, das 130-Millionen-Mark-Projekt nebenan selbst zu beziehen, das sich so platzgreifend niedergelassen hat, einen Notzustand deutlich: daß der Sinn deutscher Politiker für Tradition unterentwickelt ist. Ist das Palais Schaumburg in dieser so geschichtslosen Republik nicht auf dem besten Wege gewesen, eine Institution demokratischer Kontinuität zu werden, in dem Regierungschefs aller Couleur, ob Patriarch, Volkskanzler, Regent, Denkmal oder einfacher Macher Platz fanden? Was wird nun daraus? Eine Art nationales Gartenhaus.

Es muß da etwas sehr tief in Helmut Schmidt bohren, daß er aus dem unleugbaren Tatbestand, das Amt sei ihm sozusagen auf den Leib geschneidert – ableitet, es beliebig ändern oder verändern zu können. Zum Beispiel das Kanzlerzimmer, von vier Vorgängern – Walter Henkels gestatte die Anleihe – ausgestattet mit: "Englischer Standuhr, Mainzer Pendule, einer Barockkommode, einer Madonna, einigen Gemälden der Holländer Jan Vynants und Ruisdael", logischerweise mit einem ehrwürdigen patinierten Schreibtisch und wertvollen Gobelins, war es doch schon die gute Stube der Deutschen – Schmidt hat daraus einen privaten Arbeitsraum gemacht, in dem nur ein Traditionspartikel in gesichtslosem neumodischen Kram auffällt: August Bebel.

Loben wir also statt des konservativ scheinenden Adepten eines Schöner Wohnen den Scheel, der einst Zöpfe allerorten abschneiden wollte und als Bundespräsident zum Konservativen in der schönsten Gestalt erblüht. Würde sollte ein Amtssitz ausstrahlen, und den gemütlichen Plüsch der hundertjährigen Villa, deren Inneres leicht angestaubt und von verkommener Eleganz gewirkt hatte, ließ Scheel unter, wie wir vermuten, sehr geschmackssicherer Orientierungshilfe durch seine Frau, restaurieren. Teppichböden, Holzdecken, Klassiker und Avantgardisten der Malerei – deutsche Kunstgeschichte. Es sollte offensichtlich der Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten daraus werden – nicht das Domizil der Familie Scheel, das es gleichwohl geworden ist, weil öffentliches und privates Bedürfnis geschickt miteinander verschmolzen. Scheel bewohnt das dem ersten Bürger des Staates adäquate Haus. Schmidt bezieht den dem ersten Manager des Volkes zustehenden Verwaltungstrakt.

Eduard Neumaier