Von Heinz Abosch

Das politische Denken Sartres hat sich in den letzten Jahren entscheidend gewandelt. 1968 war ein Wendepunkt mit den Streiks in Frankreich und vor allem mit der "brüderlichen" Züchtigung der ČSSR. Bis dahin hatte der Philosoph, trotz vieler Bedenken und periodisch auftretender heftiger Kritikausbrüche, die Sowjetunion als ein Bollwerk des Friedens und des entstehenden Sozialismus betrachtet. Er selbst war ein Bundesgenosse der französischen KP. Zwar sparte er nicht mit Kritiken, aber an seiner grundsätzlichen Solidarität hielt er fest. Das führte zu einigen internen Kämpfen; die Freundschaft mit Camus und Merleau-Ponty ging darüber in Scherben.

Nun ist der ein Vierteljahrhundert lang durchgehaltene Kurs aufgegeben worden, Sartre arbeitet mit den "Maos" zusammen, den französischen Anhängern des chinesischen Kommunismus. In langen Diskussionen, die sich von November 1972 bis März 1974 erstreckten, entwirft er sowohl einen Rückblick wie eine Definition gegenwärtiger Ansichten:

Gavi/Sartre/Victor: "Oon a raison de se revolter"; Editions Gallimard, Paris 1974, 378 S., 18,50 frs.

Die Invasion der ČSSR war für den französischen Philosophen ein "Verbrechen". Mit dem gleichen Ausdruck hatte er 1956 die Vergewaltigung Ungarns verurteilt, aber jetzt zog er weitreichende politische Schlüsse: Das Ereignis drücke überhaupt das Scheitern des sowjetrussischen Systems aus, den "vollständigen Bankrott des Sozialismus als eine aus der UdSSR importierte Ware". Das Wesen dieses Systems wird angefochten, das Autoritätsprinzip, das die Masse der Führung unterwirft. Die Revision wird weit ausgedehnt: "Schon zur Zeit Lenins, nicht Stalins, wurde die Partei den Sowjets aufgezwungen, zunächst als Kontrollorgan, um sie dann allmählich zu durchdringen. Die Revolte der Kronstadter Matrosen war das Bemühen eines Sowjets, wieder demokratisch zu werden. Sie sagten: Keine Partei darf den Sowjet beherrschen, Sie wurden besiegt ... Das war die Diktatur über das Proletariat."

Sartre spricht sich jetzt, ähnlich wie Rosa Luxemburg und "Rätekommunisten" in der Art Korschs und Gorters, für die Massen gegen die Partei aus. Das war nicht immer so, denn lange Zeit galt ihm die Partei als die entscheidende Waffe der Revolution. Jetzt wird die Idee gerügt, daß "Berufsrevolutionäre das Denken der Arbeiter bilden müßten, weil die Massen spontan höchstens einen Reformismus konzipieren könnten". Das stellt Lenins Konzept der Avantgarde-Partei in Frage; wohin es führe, zeige die französische KP: eine "monströse Partei, die fünf Millionen Wählerstimmen blockiert und einfriert, die die Arbeiterklasse demoralisiert und auf die Massenaktion verzichtet..."

Die französische KP scheint entschlossen zu sein, "keine Revolution zu machen". Für Sartre ist das jedoch eine aktuelle Aufgabe, in Betracht kommen nur extreme Mittel, "direkte Aktion": "eine breite Vereinigung der Linken, die legitim, aber illegal sein wird, denn sie wird in der Illegalität handeln". Wahlbeteiligung wird abgelehnt, wie es einst die Anarchisten taten. Wahlen seien eine "Komödie", und so trennt Sartre sich von den Trotzkisten, weil sie an Wahlen teilnehmen. Legitimität wider Legalität, wobei die Legitimität im wesentlichen revolutionär verstanden wird. Die Politik als Gewalt und Ausnahmezustand – Sorel, aber auch Carl Schmitt sind nicht fern.