In der ZEIT Nr. 44 vom 29.11.1974 berichtete ich an dieser Stelle über die Hanseatische Grundbesitz AG, Hamburg, für die der Alleinvorstand Bodo B. Sehm 160 Millionen Mark sucht. Auf diese Summe soll nämlich das Aktienkapital der Gesellschaft gebracht werden. Die Aktien vertreibt Sehm über-sogenannte Anlageberater, die 12 Prozent des Betrages kassieren, den sie bei ihrer Klientel einsammeln.

Als der Artikel "Grundstücksgesellschaft auf Millionensuche" erschienen war, benachrichtigten mich einige Leser, daß Bodo B. Sehm nicht allein auf dem Immobiliengebiet operiert, sondern auch eine Reederei ins Leben gerufen hat, nämlich die Reederei "Neptun" AG, Hamburg. Hier ist Sehm ebenfalls Alleinvorstand. In einem Verkaufsprospekt für die Aktien dieser Reederei stellt er sich als Jurist und Volkswirt vor, der leitende Tätigkeiten bei "nationalen und multinationalen Konzernen" ausgeübt hat. Welche das sind, teilt Sehm nicht mit.

Das Aktienkapital der Reederei "Neptun" soll von 100 000 auf 10 Millionen Mark durch Verkauf von Aktien erhöht werden. "Nach eingehender Studie der in den angelsächsischen Ländern vorherrschenden Placierungsformen", so steht es im Prospekt, "ist die Reederei zu der Überzeugung gelangt, die Placierung in der BRD durch private Unternehmen tätigen zu lassen." Als Vorteile dieser Placierung nennt der Prospekt "die bequeme Kommunikation durch Telephonverkehr" (was immer das heißen mag), "Schnelligkeit beim An- und Verkauf" (was mit der Vertriebsart nun wirklich nichts zu tun hat), "fachgerechte Lösung aller Fragen, insbesondere Abwicklungsfragen durch ständigen Kontakt mit persönlichen Sachbearbeitern" (was mag man darunter verstehen?) und "im Zuge des aktivierten Börsenhandels laufende Unterrichtung über Kursstand sowie Anraten des weiteren Ankaufes sowie Verkaufes des Papieres zum bestmöglichen Zeitpunkt".

Dazu ist festzustellen, daß es einen Börsenhandel mit Aktien der neuen Neptun AG vorerst und auch auf Jahre hinaus nicht geben wird. Wenn Herr Sehm einen Börsenhandel mit Neptun-Aktien verspricht, ist eine solche Zusage nichts wert. Niemand soll sich durch die Angabe im Prospekt täuschen lassen, wonach "die Aktien von dem Hamburger Börsenmakler Hugo Vorwerk in den Telephonverkehr aufgenommen worden sind". Der Telephon verkehr hat mit der Börse nichts zu tun; bei ihm handelt es sich um einen Aktienhandel, der sich ohne Mitwirkung und ohne Kontrolle der Börse vollzieht, praktisch auf privater Basis. Mir hat Vorwerk erklärt, daß er sich lediglich bereit gefunden hat, Neptun-Aktien zu handeln, falls Banken ihm dazu Aufträge erteilen, Mit Börse hat das nichts zu tun, auch wenn im Prospekt ein solcher Eindruck erweckt werden soll.

Mit falschen Eindrücken, oder sagen wir vorsichtiger "Mißverständnissen", ist das im Prospekt überhaupt so eine Sache. Schon der Name der Reederei "Neptun" AG könnte Verwechslungen mit der Sloman Neptun Schiffahrts-AG hervorrufen, eine börsennotierte Reederei mit Sitz in Bremen, bei der die Sloman-Reederei erst in diesem Jahr die Mehrheit übernommen hat. Tatsächlich haben einige Leser bei mir angefragt, ob die Neptun-Reederei von Bodo Sehm mit der angesehenen Bremer Schiffahrtsgesellschaft identisch ist. Die 100-Mark-Aktie von Sloman-Neptun wird im amtlichen Börsenverkehr zum Kurs von etwas über 200 Mark gehandelt; Sehm läßt seine, Neptun-Aktien über private "Anlageberater" zum Preis von 112 Mark je 100-Mark-Aktie vertreiben.

Ich finde es erstaunlich, daß der zuständige Registerrichter beim Amtsgericht Hamburg der Eintragung der Sehmschen Reederei unter dem Namen "Neptun" zugestimmt hat. Offenbar darf aber jede Hafenstadt ihre Neptun-Reederei haben, ohne daß es nach Meinung des Gerichts Verwechslungen geben kann.

Wer noch Zweifel hat, ob Neptun-Bremen oder Neptun-Hamburg in irgendeiner Weise miteinander verbunden sind, wird durch eine weitere aufschlußreiche Stelle im Werbeprospekt irritiert. Da findet sich eine Angabe über Kapitalerhöhungskonten. Darunter erscheinen die Deutsche Bank AG, Hamburg, und die Sloman Bank KG, Hamburg. (Bei der Sloman-Bank ist vor einigen Monaten die Dresdner Bank eingetreten; diese Hamburger Privatbank wird im kommenden Jahr mit dem Bankhaus Hardy in Frankfurt fusionieren.) Die Sloman-Bank hat nun wieder nichts mit der Sloman-Reederei zu tun – und beide nichts mit der Neptun-Reederei in Hamburg.