Freilich, als der amerikanische Verteidigungsminister Schlesinger jüngst den Kampfpanzer Leopard II sah und als er hörte, daß der zweieinhalbmal so teuer sei wie der Leopard I, fragte er: "Kann er denn auch zweieinhalbmal soviel?" Auch Georg Leber kritisierte in Brüssel den technischen Perfektionsdrang. In der Not, so meinte er, müßten die Verbündeten sich eben die Leitsätze des Warschauer Paktes zu eigen machen: "Lieber größere Stückzahlen einfacherer Waffen zu geringeren Kosten als die Suche nach der besten Waffe, die es ohnehin nicht lange bleiben wird."

Die Abstriche an den Verteidigungsbeiträgen sind nicht zu übersehen. So berief Italien zum Herbst dieses Jahres die fällige Rate von 60 000 Wehrpflichtigen mangels Löhnung nicht zum Wehrdienst ein. Bis zum Frühjahr 1975 soll die Heeresstärke um 25 000 Mann verringert werden. Beides zusammen kann ein Minimum an zeitweiliger Verringerung der Heeresstärke von 35 000 und ein Maximum von 85 000 Mann bedeuten. Auf Dauer hat Rom eine Verkleinerung des italienischen Heeres um zehn Prozent in Aussicht genommen.

Die Nato insgesamt wird Ende 1975 die Mittel für die Infrastrukturanlagen zur Aufnahme, Unterstützung, Versorgung und Nachrichtenverbindung in Europa aufgebraucht haben. Wenn keine neuen Mittel bewilligt werden, können nach diesem Zeitpunkt keinerleich Bauvorhaben und technische Anlagen mehr weitergeführt werden. Die Vereinigten Staaten wollen ihren Anteil von 24 Prozent an der Infrastrukturkostenverteilung erheblich senken. Doch kein anderer Verbündeter erklärt sich bereit, seinen Anteil zu erhöhen. Der einzige, der darüber mit sich reden lassen will, ist wieder der deutsche Partner – allerdings will er dabei nicht allein bleiben.

Der Verteidigungsminister der Niederlande kündigte in Brüssel an, daß seine Regierung darauf drängen werde, in Wien neue MBFR-Vorschläge zu machen. Sein Ziel: die Zahl der taktischen Atomwaffen der Nato gegen die Zahl der Panzer des Warschauer Paktes in dem vorgesehenen Reduktionsgebiet zu verringern.

Ein Geschäft mit den Russen, die Zahl der Atomwaffen des Westens gegen die Zahl der Panzer des Ostens in Mitteleuropa aufzuwiegen und beide zu verringern, ist an sich im Grundsatz annehmbar. Hohe amerikanische Diplomaten und Militärs trugen die Idee schon seit dem Frühjahr 1973, also noch vor dem Beginn der Wiener Konferenz über Truppenabbau, in die europäischen Länder. Doch hängen diese und andere Fragen der Bündnispolitik von der Bedeutung der amerikanisch-sowjetischen Abreden in Wladiwostok und von der amerikanischen Konzeption für die künftige Strategie des Bündnisses in Europa ab. Beide sind in ihrer Tragweite und vorausschaubaren Entwicklung umstritten. Über beides erwarteten die europäischen Verbündeten jetzt in Brüssel einigen Aufschluß vom großen Auftritt Henry Kissingers – in der Hoffnung, daß der amerikanische Außenminister diesmal im Ratssaal nach seiner eigenen Rede an die Alliierten weniger Zeitungen lesen werde als im vergangenen Jahr.