Herr Meinhof erinnert sich – Seite 1

Klaus Rainer Röhl: "Fünf Finger sind keine Faust"

Von Ansgar Skriver

Das ist nicht die Geschichte der linken Studentenbewegung, sondern die des "konkret"-Herausgebers Klaus Rainer Röhl in ihr. Das ist nicht die Geschichte Ulrike Meinhofs, wie der Verlag behauptet, sondern der Beweis von Röhls unwandelbarer Liebe zu ihr. Das ist nicht der "authentische Augenzeuge", sondern der Täter Röhl, der Rückschau hält, im eigenen Licht, nicht ohne Selbstkritik gepaart mit Rechtfertigung, doch ohne Zeit und Fähigkeit, gründlich auszurecherchieren" (einer von 53 stehengebliebenen Korrekturfehlern). Das ist schönstes Illustriertendeutsch: "Ich breche, zehn Jahre nach meinem Austritt aus der Kommunistischen Partei, mein Schweigen und stelle mich dem Urteil der deutschen Öffentlichkeit ..." Das ist, wie es Jochen Steffen im Nachwort genauer bezeichnet, "ein subjektiver Bericht" –

Klaus Rainer Röhl: "Fünf Finger sind keine Faust"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1974; 456 S., 28,– DM

Meine erste Schlußfolgerung – ich verheimliche nicht, in diesem Buch als damaliger Gegner unbeleidigt davongekommen zu sein: Glück gehabt, wer mit ihm nie persönlich befreundet war. Wie er da hämisch seinen Freund "Reini" fertigmacht, "der einzige, der voll zu mir hielt", wie er Privates auf den Markt trägt, wie er seinen Genossen Hübotter haßt, der nun durch Einstweilige Verfügungen an diesem Buch mitredigiert hat ebenso wie sein ehemaliger Kollege Nettelbeck, dem es gelang, Röhls Behauptung zu unterbinden, er habe sich in einem Schloßhotel in Frankreich ein stundenlang gebratenes Lamm schmecken lassen.

Da ist so manches widerlich, doch der Leser nimmt den "unvermeidlichen Kotzbrocken" Röhl (Zitat von Freund Rühmkorf) in Kauf. Es mangelt an charakterlichem Format – Eckart Heimendahl ist tot, kann sich nicht mehr wehren; wie sehr unterscheiden sich etwa die Charakterisierungen von Fritz J. Raddatz bei Röhl (S. 98) und bei Rühmkorf ("Die Jahre die Ihr kennt", Hamburg, 1972, Seite 226); wie viel plastischer die Erinnerung an den unvergessenen Büroboten und Lyriker Werner Riegel und die 150-Auflage-Zeitschrift "Zwischen den Kriegen"; wieviel nuancierter Rühmkorfs Bericht über den "Mister Palestine" alias Yassir Arafat, seinen Krankenhaus-Bettnachbarn August 56 in Prag, als alle vergleichbaren Storys von Röhl, man lese die sechs Druckseiten mit Rühmkorfs Erinnerungen an Ulrike Meinhofs Quasi-Leben in der Hamburger Society Ende der sechziger Jahre.

Peter Rühmkorfs Programm: "... Ulrike, die wir nicht erhöhen wollen und nicht erniedrigen, sondern einfach nur erklären, wie wir uns selbst erklären ... ". Röhl ist davon so beeindruckt, daß er die Stelle zitiert. Er aber zeigt immer nur vor, erklären muß der Leser es sich selbst. Und da gibt es viel zu erklären: die frühen, prägenden Erfahrungen der Nazizeit, Erfahrungen einer Nachkriegsgeneration jene "solide Sympathie für geprügelte Minderheiten und einen Haß gegen terroristische Mehrheiten", zumindest Skepsis, Mißtrauen, Widerstand – und heute ein Blick über zerstörte Freundschaften, eingeebnete Individualitäten zerstörte Persönlichkeiten.

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Ulrike ist kein Monster

Mein Leseexemplar ist bunt voll eingekreister "ich" (Klaus Rainer Röhl): "ich Kleinbürgersohn; "ich hatte nie in meinem Leben Marx oder Engels oder Lenin gelesen"; "ich schickte Spoo"; ich holte Doutiné"; "ich veröffentlichte Volker Braun"; "ich konzipierte den Plan"; "ich bekenne mich schuldig"; "ich berichtete lange vor Rudolf Walter Leonhardt"; "ich war es, ich gebe es zu". Ich, ich, ich, meine Nettigkeit, meine intellektuelle Redlichkeit (ganz schöne Widersprüche im Laufe des Buches). "Ich schickte 1972 ein Telegramm an Bundeskanzler Brandt" (Röhls Eintritt in die SPD; Harpprechts entsprechendes Telegramm machte mehr Publicity).

Und doch: "das war eine rauschhafte Zeit". Röhls Buch erhellt die Geschichte einer bestimmten politischen Oppositionsgeneration, mit Legenden durchmischt, mit ungerechten Urteilen, oft oberflächlich geschrieben, aber prall von Aktivität, Atmosphäre und daher für wache Zeitgenossen nie langweilig. Zugleich ein politisches und privates Zeugnis, politisch dafür, wie einer sich selbst post festum als "nützlichster Idiot" erkennt, wie er "herumprovoziert", tarnt, fernsteuert, austrickst, manipuliert – und noch stolz ist, wo er sich historisch bestätigt sieht. Röhl rühmt sich, 1959 die Ostpolitik der Bundesregierung von 1974 vorformuliert, geradezu eingeleitet zu haben; er vergißt, daß 1959 zwar Röhl – später aber nicht Willy Brandt – dies im Auftrag Ostberliner KP-Agentenführer tat; er vergißt, daß Pfleiderer, Dehler, Margret Boveri und andere oft lange vor Röhl ähnlich gedacht, gesprochen, geschrieben haben. Wenn es aber schief ging, dann bekennt er sich mitschuldig, zum Beispiel an der kriminellen Verharmlosung von Drogengefahr oder fatalen Kindererziehungsversuchen, zum Beispiel, daß er die Gewalt-Diskussion anfangs nicht ernst genug genommen hat. Wird er, der sich einen "verlegerischen Tausendsassa" nennt, künftig seine Verantwortung kennen, ehe er seine jeweiligen Gefühle öffentlich mitteilt, mobilisiert?

Privat: Röhl liebt seine ehemalige Ehefrau Ulrike Meinhof noch immer, das ehrt ihn und bietet zugleich viel Stoff für Psychologen, wie übrigens all seine Äußerungen über Frauen. Sie spiegeln eine spezielle Menschenverachtung und zugleich die Einsamkeit eines Mannes, der kaum Freunde hat. Rühmkorf erweist sich eher als Bundesgenosse, vernünftig, integer, auch er nach Röhls Aussage bis zum Erscheinen dieses Buches nicht voll informiert über die Zeit der KP-Finanzierung von "konkret"; und Erich Kuby soll auch erst heute lesen, wie er einst gesteuert wurde.

Rührend und zugleich unzulänglich der Versuch, gegen die Schlagzeile "Baader-Meinhof" anzuschreiben und statt dessen "Baader-Mahler" zu setzen. Röhls Credo lautet: Ulrike ist kein Monster. Seine Kinder, ihn muß es treffen, erzählen, sie hätten "Baader-Meinhof-Gruppe" gespielt: Im Zitat des Kindermunds holt den Liebenden die Wirklichkeit ein.

Insgesamt wohl überschätzt, aber jedenfalls das subjektiv wichtigste politische Ereignis der Röhl-Memoiren ist der Studentenprotest gegen Atomrüstung 1958/59 und der bis Moskau und Washington Wellen schlagende Berliner "Studentenkongreß gegen Atomrüstung" im Januar 1959, wenige Wochen nach dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows, das Röhl nicht erwähnt. Er wurde von Röhl nicht initiiert und nur zum Teil geführt – beides nähme er gern voll für sich in Anspruch. Er weiß wohl bis heute nicht, daß jene ersten Demonstrationen an über zwanzig Hochschulen und Universitäten im Mai 1958, "ohne Befehl, aber wie auf einen Befehl", von einem Freundeskreis um Carl-Christian Kaiser ausgingen, dessen Mitglieder, wo immer sie studierten, die ersten Anstöße gaben.

Kaiser (heute politischer Korrespondent der ZEIT in Bonn) durchschaute als erster Röhls Methode; er war so konsequent, seinen Ein tritt in eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für unvereinbar mit der Fortsetzung des politischen Kampfes gegen die "konkret"-Manipulation zu halten und schied aus den "Anti-Atom-Ausschüssen" aus. Wenn Röhl sich rühmt, er habe als Mitglied der illegalen KPD und Herausgeber einer von dieser unterstützten Zeitschrift "spätestens ab 1957, ganz besonders aber in den Jahren 1958 und 1959 einen erheblichen Einfluß auf die politische Entwicklung der damaligen Studentenschaft" erlangt, einen "Einfluß, der heute noch nachwirkt so ist er kein "authentischer Augenzeuge", sondern nur Autor einer Version. Einfluß – ja. Aber kein guter Einfluß, weil manipulativ und nur zum Teil auf politischer Überzeugungskraft beruhend.

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Geld von Kommunisten

Zum Beleg dessen zitiere ich eine von Röhl selbst formulierte, ihm von Carl-Christian Kaiser abgerungene, von den Vertretern der "Studentischen Ausschüsse gegen Atomrüstung" mehrheitlich gebilligte Erklärung vom 26. 7. 1958, die "konkret" abzudrucken versprach, die Röhl konsequenterweise in seinem Buch unterschlagen hat: "Auf Grund verschiedener Anfragen erklärt die Redaktion, daß die Zeitung ‚konkret‘ nicht das Organ der Ausschüsse gegen Atomwaffen an den einzelnen Universitäten oder der Informationszentrale dieser Ausschüsse ist und auch sonst in keinem organisatorischen Zusammenhang mit der Informationszentrale steht." Und weiter enthält dieses Protokoll folgende Zusage Röhls: "Herr Röhl wäre bereit, notfalls unter Eid zu erklären, daß seine Zeitschrift keine finanziellen Zuwendungen von kommunistischen Gruppen oder Einzelpersonen erhält."

Röhls Memoiren widerlegen seine damaligen Erklärungen – er kann von Glück sagen, daß er keinen Meineid geschworen hat. Was, damals wirklich geschah, ist wissenschaftlich erforscht in der vom Historiker Karl Dietrich Bracher betreuten Dissertation –

Hans Karl Rupp: "Außerparlamentarische Opposition in der Ära Adenauer – Der Kampf gegen die Atombewaffnung in den fünfziger Jahren – Eine Studie zur innenpolitischen Entwicklung der BRD"; Pahl-Rugenstein-Verlag, Köln, 1970; 331 S., 22,80 DM.

In Wirklichkeit war die Aktivität der "konkret"-Gruppe damals nicht, wie Röhl es heute hinstellt, der Anfang von Entspannung, Völkerverständigung und Annäherung zwischen beiden deutschen Teilstaaten, sondern zunächst die bewußt in Kauf genommene Schwächung unabhängiger, nicht antikommunistischer, aber eben nichtkommunistischer studentischer Opposition, was ich 1959 (im "Informationsdienst des Clubs republikanischer Publizisten") als Absicht der "konkret"-Gruppe beschrieben habe: "Beteiligung überall dort innerhalb der westdeutschen Studentenschaft, wo zu Recht oder Unrecht politische Unzufriedenheit entstanden ist. Zweimal ist dies der ‚konkret‘-Gruppe in nennenswertem Umfang gelungen: Auf dem Berliner ‚Studentenkongreß gegen Atomrüstung‘ im Januar, und auf dem Frankfurter ‚Kongreß für Demokratie‘ im Mai. Beide Male sind die demokratischen Mehrheiten schwer geschädigt worden, einmal in den Anti-Atom-Ausschüssen, das andere Mal im Sozialistischen Studentenbund. Wird die nunmehr bekannte Manipulationsmethode ein drittes Mal verfangen?"

Ärgerlich und sympathisch

Sie verfing nicht, denn die von "konkret" manipulierten Gruppen zerfielen, das Vertrauen war nachhaltig zerstört. Das hatte wenig damit zu tun, daß "konkret", nun nicht mehr Fraktion und Nachrichtendienst, sondern marktgerechtes Publikationsorgan nach der "grauenhaften Röhlschen Mischung", auch nach 1964 großen publizistischen Einfluß auf ganze Studentengenerationen gewann, während der "Studentenrevolte" besonders, daß manche, die im erbarmungslosen Untergrundkampf mit dieser, wie wir damals ahnten und heute wissen, KP-Kadertruppe politische Erfahrung und Witterung sammelten, vielen Kommentaren zur Innenpolitik und Reportagen über Algerien, Vietnam zustimmten. Wen damals die brillanten Leitartikel von Ulrike Meinhof faszinierten, der neigt heute beim Lesen manchmal dazu, das Röhl-Buch im Zorn gegen die Wand zu werfen, da der Autor zwar einen klaren politischen und moralischen Trennungsstrich zu dem zieht, was Ulrike Meinhof in der "Roten Armee Fraktion" mitverantwortet, aber wegen seiner emotionalen Beteiligung, vielleicht auch wegen der gemeinsamen Kinder, eine grundsätzliche Abrechnung scheut – ein politisches Ärgernis, das zugleich Sympathie weckt.

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Ich kann, als ehemaliger Gegner, der die Methode kennt, die per Hungerstreik "liberale Gewissen ködern", Liberale "taktisch behandeln" will, wie es in den kürzlich veröffentlichten Zellenzirkularen heißt, die auch bei Ulrike Meinhof gefunden wurden, ich kann den Menschen Röhl, den mit "das da" in den leeren Händen, auf seinem gegenwärtigen Erkenntnisstand nicht verurteilen. Statt dessen finde ich Rühmkorfs Zeilen aus dem Jahre 1948:

"Du bist modern, du dichtest linear.

Kunst auf marsch, marsch, schon ist die Linie klar:

Mein Bruder Röhl, nun richte dein Gerolle –

Fehlt auch der Wasser eigenes Gefälle.

Du brauchst es gar nicht, bleibst ja linear."