Ulrike ist kein Monster

Mein Leseexemplar ist bunt voll eingekreister "ich" (Klaus Rainer Röhl): "ich Kleinbürgersohn; "ich hatte nie in meinem Leben Marx oder Engels oder Lenin gelesen"; "ich schickte Spoo"; ich holte Doutiné"; "ich veröffentlichte Volker Braun"; "ich konzipierte den Plan"; "ich bekenne mich schuldig"; "ich berichtete lange vor Rudolf Walter Leonhardt"; "ich war es, ich gebe es zu". Ich, ich, ich, meine Nettigkeit, meine intellektuelle Redlichkeit (ganz schöne Widersprüche im Laufe des Buches). "Ich schickte 1972 ein Telegramm an Bundeskanzler Brandt" (Röhls Eintritt in die SPD; Harpprechts entsprechendes Telegramm machte mehr Publicity).

Und doch: "das war eine rauschhafte Zeit". Röhls Buch erhellt die Geschichte einer bestimmten politischen Oppositionsgeneration, mit Legenden durchmischt, mit ungerechten Urteilen, oft oberflächlich geschrieben, aber prall von Aktivität, Atmosphäre und daher für wache Zeitgenossen nie langweilig. Zugleich ein politisches und privates Zeugnis, politisch dafür, wie einer sich selbst post festum als "nützlichster Idiot" erkennt, wie er "herumprovoziert", tarnt, fernsteuert, austrickst, manipuliert – und noch stolz ist, wo er sich historisch bestätigt sieht. Röhl rühmt sich, 1959 die Ostpolitik der Bundesregierung von 1974 vorformuliert, geradezu eingeleitet zu haben; er vergißt, daß 1959 zwar Röhl – später aber nicht Willy Brandt – dies im Auftrag Ostberliner KP-Agentenführer tat; er vergißt, daß Pfleiderer, Dehler, Margret Boveri und andere oft lange vor Röhl ähnlich gedacht, gesprochen, geschrieben haben. Wenn es aber schief ging, dann bekennt er sich mitschuldig, zum Beispiel an der kriminellen Verharmlosung von Drogengefahr oder fatalen Kindererziehungsversuchen, zum Beispiel, daß er die Gewalt-Diskussion anfangs nicht ernst genug genommen hat. Wird er, der sich einen "verlegerischen Tausendsassa" nennt, künftig seine Verantwortung kennen, ehe er seine jeweiligen Gefühle öffentlich mitteilt, mobilisiert?

Privat: Röhl liebt seine ehemalige Ehefrau Ulrike Meinhof noch immer, das ehrt ihn und bietet zugleich viel Stoff für Psychologen, wie übrigens all seine Äußerungen über Frauen. Sie spiegeln eine spezielle Menschenverachtung und zugleich die Einsamkeit eines Mannes, der kaum Freunde hat. Rühmkorf erweist sich eher als Bundesgenosse, vernünftig, integer, auch er nach Röhls Aussage bis zum Erscheinen dieses Buches nicht voll informiert über die Zeit der KP-Finanzierung von "konkret"; und Erich Kuby soll auch erst heute lesen, wie er einst gesteuert wurde.

Rührend und zugleich unzulänglich der Versuch, gegen die Schlagzeile "Baader-Meinhof" anzuschreiben und statt dessen "Baader-Mahler" zu setzen. Röhls Credo lautet: Ulrike ist kein Monster. Seine Kinder, ihn muß es treffen, erzählen, sie hätten "Baader-Meinhof-Gruppe" gespielt: Im Zitat des Kindermunds holt den Liebenden die Wirklichkeit ein.

Insgesamt wohl überschätzt, aber jedenfalls das subjektiv wichtigste politische Ereignis der Röhl-Memoiren ist der Studentenprotest gegen Atomrüstung 1958/59 und der bis Moskau und Washington Wellen schlagende Berliner "Studentenkongreß gegen Atomrüstung" im Januar 1959, wenige Wochen nach dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows, das Röhl nicht erwähnt. Er wurde von Röhl nicht initiiert und nur zum Teil geführt – beides nähme er gern voll für sich in Anspruch. Er weiß wohl bis heute nicht, daß jene ersten Demonstrationen an über zwanzig Hochschulen und Universitäten im Mai 1958, "ohne Befehl, aber wie auf einen Befehl", von einem Freundeskreis um Carl-Christian Kaiser ausgingen, dessen Mitglieder, wo immer sie studierten, die ersten Anstöße gaben.

Kaiser (heute politischer Korrespondent der ZEIT in Bonn) durchschaute als erster Röhls Methode; er war so konsequent, seinen Ein tritt in eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für unvereinbar mit der Fortsetzung des politischen Kampfes gegen die "konkret"-Manipulation zu halten und schied aus den "Anti-Atom-Ausschüssen" aus. Wenn Röhl sich rühmt, er habe als Mitglied der illegalen KPD und Herausgeber einer von dieser unterstützten Zeitschrift "spätestens ab 1957, ganz besonders aber in den Jahren 1958 und 1959 einen erheblichen Einfluß auf die politische Entwicklung der damaligen Studentenschaft" erlangt, einen "Einfluß, der heute noch nachwirkt so ist er kein "authentischer Augenzeuge", sondern nur Autor einer Version. Einfluß – ja. Aber kein guter Einfluß, weil manipulativ und nur zum Teil auf politischer Überzeugungskraft beruhend.