Zum viertenmal innerhalb eines Jahres soll Zeitungspapier teurer werden

Das Allgemeinwohl im Auge und ihre eigenen Interessen im Sinn, warnten die beiden Herren vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) den Kanzler vor Gefahr aus Nordost. "Wir setzen Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler", so schrieben BDZV-Präsident Johannes Binkowski und BDZV-Papierexperte Dietrich Oppenberg an Helmut Schmidt, "über das marktwidrige Verhalten der finnischen Papierfabriken in Kenntnis. Es richtet sich eindeutig gegen Ihre Stabilitätspolitik."

Bonns ungewissen Weg zur Stabilität bedroht und ihre eigenen Kalkulationen in Gefahr sehen deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenverleger, seitdem die Finpap weitere Teuerung angekündigt hat: Das Verkaufskartell der finnischen Papierfabriken, das in diesem Jahr die Preise für Pressepapier schon dreimal drastisch erhöht hat, will vom 1. Januar an erneut zwölf Prozent mehr. Fast dasselbe fordern die Papierproduzenten Schwedens, nicht sehr viel weniger die Kanadier. Die sechs deutschen Pressepapier-Erzeuger, die ihre Preisforderungen bisher noch nicht offengelegt haben, werden kaum zögern, der ausländischen Konkurrenz zu folgen. Setzen sich die nordischen’ Papierfabrikanten durch, kostet die Tonne Zeitungspapier, Ende 1973 noch für rund 560 Mark zu haben, im nächsten Jahr über tausend Mark.

"Diese Bedingungen", so Oppenberg, "sind einfach untragbar." Der Verleger der Essener "Neuen Ruhr Zeitung" sieht wie die meisten anderen Gazetten-Besitzer keine Chance, den geforderten Preisaufschlag – Papier hat an den Kosten der Zeitungen einen Anteil von 15 bis 20 Prozent – voll den Zeitungslesern aufzuhalsen. Zwangsläufig müßte das Preis-Plus am Ertrag zehren: Die roten Zahlen, die viele Zeitungen für 1974 dank schmerzlich geschrumpfter Anzeigenteile bei unaufhaltsam steigenden Kosten schreiben, würden dann 1975 noch erheblich größer. Deshalb schlägt BDZV-Mann Oppenberg vor: "Sechs Prozent könnten wir beim Papier gerade noch verkraften."

Auch die Zeitschriftenverlage, wie die Gazetten vom Anzeigenschwund geplagt, sähen den neuen Papierpreis-Zuschlag am liebsten auf sechs vom Hundert halbiert. Und wie die Zeitungs-Lobbyisten schickte daher der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) einen Klagebrief nach Bonn in der Hoffnung, zusätzlicher politischer Druck könne bei den Preisverhandlungen mit den Papiermachern nicht schaden. "Ich darf Sie, sehr verehrter Herr Minister", so VDZ-Präsident Alfred Strothe an die Adresse von Wirtschaftsminister Hans Friderichs, "bitten, in dieser Angelegenheit zu intervenieren."

Der Ruf nach dem Staat fand Echo. In Gesprächen mit den skandinavischen Botschaftern sondierte Bonn zunächst die Lage im Norden. Dann, für Mittwoch dieser Woche, bat Wirtschaftsstaatssekretär Detlev Karsten Rohwedder Vertreter der deutschen Pressepapier-Hersteller zu sich. Obgleich Bonn demnächst die beiden Interessengruppen gemeinsam an einen Tisch bringen wird – viel helfen können die staatlichen Seelenmasseure den Verlegern nicht. "Ein Brief an Finnland", so befürchtet ein Kenner der Bonner Möglichkeiten, "würde mit Sicherheit sehr kühl beantwortet werden."

Denn auch die Papierfabriken haben ihre Argumente. "Die finnischen Fabriken", so erklärt Wolfgang Müller von der Hamburger Papierimport-Firma Schürfeld (Marktanteil: rund 25 Prozent), "müssen den Preis erhöhen, weil inzwischen auch in Finnland Holz knapp geworden ist, die Energie teurer wurde und die Inflationsrate bei 17 Prozent steht." Der Schürfeld-Geschäftsführer glaubt, daß sich die Forderung des nordischen Kartells voll realisieren läßt: "Wir haben bereits Verträge im Haus."