Von Rainer Burchardt

Kiel

Rosemarie Fleck hielt es für besser, auf die Veröffentlichung einiger sehr erschütternder Zeugenaussagen zu verzichten. Die sozialdemokratische Abgeordnete im schleswig-holsteinischen Landtag präsentierte dennoch eine Reihe unglaublich anmutender Einzelheiten über Mißstände in der Kieler Universitätsfrauenklinik. Grund für ihren Alleingang: Der von der CDU-Mehrheit im parlamentarischen Untersuchungsausschuß verabschiedete Bericht verschweige viele Einzelheiten und werde dem Ergebnis der monatelangen Anhörungen nicht gerecht. Die SPD jedoch sieht alle ihre im Juni 1973 vor dem Landtagsplenum erhobenen Vorwürfe über die damalige Notsituation an der Klinik voll bestätigt. Die SPD hatte damals die Einsetzung des Ausschusses mit Erfolg beantragt, nachdem der Klinikdirektor Professor Semm einigen Parlamentariern die Notsituation in seinem Hause erläutert hatte.

Das nun vorliegende Ergebnis der monatelangen Recherchen des Ausschusses ist in der Tat niederschmetternd. So erwies sich, daß Patienten bis zu drei Tagen auf Fluren untergebracht wurden, weil alle Zimmer voll belegt waren. Noch schlimmer: Gestorben wurde sogar im Geschäftszimmer der Station.

Auch die Geburten wurden nach dem SPD-Minderheitenbericht unter ähnlich menschenunwürdigen Umständen vollzogen. Im Entbindungstrakt gab es noch 1973 keinen OP-Saal. Klinikdirektor Semm erklärte während seiner Anhörung, daß bereits in den fünfziger Jahren die grundsätzliche Forderung nach einem OP-Raum in der Entbindungsstation aufgestellt wurde. Bei durchschnittlich 3000 Geburten im Jahr komme es bis zu 180 Schnittentbindungen, die innerhalb von 15 Minuten erfolgen müßten. Ein Kollege des Direktors: „In den meisten Fällen ist es so, daß wir praktisch im Galopp durch die Klinik fahren. Der Aufzug muß zwei- bis dreimal benutzt werden, ehe Personen und Zubehör in den Operationssaal gebracht sind.“ Auf die Frage, ob durch den langen Weg Schädigungen an Neugeborenen oder Totgeburten verzeichnet wurden, antwortet Professor Semm: „Ich glaube, daß wir im Rahmen dieses Untersuchungsausschusses solche Fragen nicht stellen sollten.“

Schließlich geriet auch die hygienische Versorgung an der Klinik in das Schußfeld der SPD-Kritik. Bis zu vierzig Patienten mußten sich zwei Toiletten teilen. Professor Semm: „Die Badeabteilung ist hygienisch nicht mehr vertretbar, die Hälfte aller Bettschüsseln wird noch heute von den Schwestern mit der Bürste gereinigt.“

All dies, so Frau Fleck, macht notwendig, daß die Klinik so schnell wie möglich den Grundanforderungen menschenwürdiger Behandlung angepaßt wird. Schließlich habe die Beweiserhebung auch ergeben, daß zum Zeitpunkt der Zeugenaussagen die Forschung und Lehre in dem Krankenhaus in einem nicht vertretbaren Ausmaß eingeengt war. Wenn auch die meisten der von der SPD angeführten sachlichen Mängel zunächst behoben worden seien, so blieben doch berechtigte Zweifel daran bestehen, ob die Universitätsfrauenklinik zu Kiel auf die Dauer voll funktionsfähig sein könne. Man erwarte jetzt mit Spannung die Parlamentsdebatte über den Bericht der Ausschußmehrheit, der noch nicht veröffentlicht wurde, und das SPD-Protokoll. Der Vergleich kann Hintergründe erhellen.