Es stand im Sportbericht, daß in der fünften Spielminute das Publikum den strömenden Regen vergessen habe. "Denn zu diesem Zeitpunkt hieß es bereits 1 : 0."

Wir müssen uns das so vorstellen: Die Zeit erschrickt und legt einen Punkt wie das Huhn ein Ei.

Im weiteren Verlauf des Fußballkampfes zeigte der Schiedsrichter zwei Spielern die gelbe Karte. Auch diesen Zeitpunkt hielt der Bericht fest. Oberhaupt war es eine moderne Darstellung. Denn die Zeit wurde ohne Punkte nie erwähnt. Sie floß nicht mehr. Sie setzte sich ruckweise fort. Punkt für Punkt.

Die Zeitpunkte sind jedoch schon eine ältere Erfindung. Bemerkenswert ist, daß sie neuerdings überhandnehmen. Viel jünger sind die Gipfelkonferenzen, auch schlicht "Gipfel" genannt. Man sieht sie vor sich: die versammelten Staatsoberhäupter, die als Bergriesen über den Nebel ihrer Völker hinausragen. Der Anblick hat etwas Endgültiges und Erhabenes. Und doch ist im Laufe der Zeitpunkte der Gipfel schon etwas abgeschliffen, etwas niedriger geworden. So hörte ich die Kinder zweier befreundeter Ehepaare sagen: "Unsere Eltern? Die sitzen drinnen und machen einen Gipfel. Wir haben ein Schulpapier bekommen."

Das "Papier" in gekoppelten Wörtern ist die vorläufig letzte Erfindung. Nachdem die FDP das für viele anstößige "Kirchenpapier" ersonnen hatte, erfand die Münchener SPD, um innerparteilichen Streit zu schlichten, ein "Schlichtungspapier". Der Parteimann Schöfberger erklärte, einem Zeitungspapier zufolge: "Manche Punkte des Papiers riechen verdammt nach Schuldzuweisung, andere nach Knebelung der innerparteilichen Meinungsfreiheit. Ich habe Verständnis für jene, die dem Papier kritisch gegenüberstehen." Aus diesem Funktionärsdeutsch halten wir neben der Tatsache, daß Punkte stinken können, fest, daß Papiere etwas Unangenehmes haben. Dabei sollte es nicht bleiben!

Ich möchte die moderne Frau am Flughafen zu ihrem Manne, dem hohen Beamten oder Generaldirektor, sagen hören: "Wenn du auf deinem Gipfel ein paar Punkte Zeit hast, so schreib mir doch ein Liebespapier."