Von Hansjakob Stehle

Rom, im Dezember

Ausweinen müssen habe er sich beim Papst, ließ der DDR-Kardinal Alfred Bengsch nach seinem letzten Rombesuch im Herbst verlauten. Ganz wörtlich ist das wohl nicht zu nehmen, denn sentimentale Weichheit ist das letzte, was sich dieser robuste, auch dem Kraft- und Witzwort nie abgeneigte Urberliner leisten würde. Aber es kennzeichnet doch eine gewisse Stimmung, die den katholischen Erzbischof des geteilten Bistums Berlin in den letzten Monaten ergriffen hat. Freilich nicht in jenem Sinne, den ihm eifernde Deutschnationale klerikaler Observanz nahelegen möchten.

Zwar war der Draht zwischen den "drei K.s.", den Herren Kalusener, Kronenberg und Krahe (der eine Prälat in Westberlin, der andere Generalsekretär des Bonner Katholischen Zentralkomitees, der dritte Prälat in der deutschen Vatikanbotschaft) noch nie so gut eingespielt wie heute, da es im bundesdeutschen Katholizismus Mode geworden ist, die Ostpolitik des Papstes madig und den Pontifex zum Prügelknaben zu machen, wenn man in Wahrheit die Bonner Ostpolitik meint. Doch der Berliner Kardinal ist, (auch wenn er die harte Westmark, die seinem Bistum legal zufließt, nicht entbehren kann) viel zu pfiffig, unpolitisch – und fromm, um sich verunsichern zu lassen. Bengsch weiß, und er hat sich dessen vor kurzem noch einmal versichert, daß er wirksamen Rückhalt von der Bonner CDU/CSU so wenig erwarten kann wie vom roten CDU-Ableger in Ostberlin, sondern allein vom Papst. Eines (noch fernen) Tages vielleicht auch von einem Pro-Nuntius – jenem Botschafter des Heiligen Stuhls in Ostberlin, der gegenwärtig fast jede Woche wie ein böses Gespenst durch die katholischen Nachrichtenküchen der Bundesrepublik geistert.

"Man spricht so viel vom römischen Zentralismus, aber es besteht die Gefahr, daß ein. neuer nationaler Zentralismus ersteht", sagte Bengsch 1969 vor der Bischofssynode in Rom. "Der Ärger über das Institutionelle in der Kirche hat gewiß viele, beschämend viele berechtigte Gründe, aber er wird oft genährt von der Illusion, es könne eine institutionslose, dogmenfreie, reine Brudergemeinde geben", predigte er in Dresden. Bengsch weiß, daß eben dieses spezifisch katholische Kirchenverständnis gegen die regierenden Atheisten in Osteuropa ihre Hauptangriffsspitze lange Zeit genau auf diesen empfindlichsten Punkt der Kirche richteten, indem sie die Hierarchie zerschlugen und ihre Verbindung mit Rom unterbanden. Soll es von Übel sein, wenn es dem Vatikan immerhin in den letzten zehn Jahren gelang, diese Spitze abzubrechen? Und warum sollte – mit aller Vorsicht – nicht der Versuch gemacht werden, einen Modus vivendi gerade dort zu fixieren, wo 1,4 Millionen Katholiken von jener Angriffsspitze weniger getroffen wurden als irgendwo sonst im Osten – nämlich in der DDR?

"Wenn wir zurückdenken an die zwanzig Jahre kirchlichen Lebens hier, werden wir nicht wegwischen können die Spannungen und die manchmal schweren Belastungen. Aber wir werden auch mit Dank gegen Gott sagen können: die Kirche konnte seelsorglich arbeiten. Und wenn wir ganz ehrlich sind: sie hatte noch mehr Chancen, als sie oft genutzt hat." Diese Worte widmete Bengsch dem "20. Geburtstag der DDR".

Seit der damals erst 40jährige, wenige Tage nach dem Berliner Mauerbau 1961, seinen Bischofsstuhl in der Ostberliner St. Hedwigskirche bestieg, hat er sich weder herbeigelassen, Weihrauch vor dem Altar des "sozialistischen Vaterlandes" zu streuen, was ihm ein paar wohlmeinende "fortschrittliche" Katholiken stets nahelegten, noch hat er sich jemals auf einen Kollisionskurs mit dem Staat drängen lassen, wie es ihm einige Etappenkrieger diesseits der Mauer einflüstern wollten. Und dies nicht etwa aus "Neutralität" oder weil man ihm anfangs zwölf, seit dem Grundvertrag dreißig Tage im Quartal in den Westberliner Teil seiner Diözese fahren ließ, sondern weil ihm Politik überhaupt, atheistisch motivierte im besonderen, als ein allzu diesseitiges Geschäft erscheint, ideologieverdächtig, moralisch fragwürdig.