Kompromiß auf Martinique? – Seite 1

Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Dezember

Frankreichs Diplomatie ist mit sich zufrieden. Zehn Regierungschefs in zehn Tagen zu Gast bei Valéry Giscard d’Estaing – zeigt das nicht, daß Paris nach wie vor eine kapitale Rolle in der Weltpolitik spielt? Erst machte Leonid Breschnjew dem französischen Präsidenten seine Aufwartung. Dann versammelten sich die acht europäischen Partner um Giscard. Und an diesem Wochenende wird sich Amerikas Präsident Gerald Ford mitsamt Henry Kissinger auf der französischen Antilleninsel Martinique bei Giscard einfinden, um die amerikanisch-französischen Beziehungen wieder ins Lot zu bringen.

Nach den Stürmen des letzten Jahres ist zwar etwas Ruhe in das Verhältnis Paris–Washington eingekehrt, doch ungetrübt ist es deswegen noch nicht. "Unter allen westlichen Demokratien, sagte Giscard einem Time-Interviewer, "sind wir wahrscheinlich die mit den präzisesten außenpolitischen Zielen, und das verstehen die Vereinigten Staaten nicht ganz." Die beiden Grundpfeiler französischer Außenpolitik sind unverändert: Keine Integration, keine Unterordnung unter die Vereinigten Staaten.

General de Gaulle, von tiefem Groll gegen die "Angelsachsen" beseelt, die ihn 1945 den Beratungen in Jalta ferngehalten hatten, rieb sich nach seiner Rückkehr an die Macht fast dauernd an Washington. Schon im März 1959 setzte er ein erstes Zeichen: Er entzog die französische Mittelmeerflotte dem Oberkommando der Nato, um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren. Als im Februar 1960 die erste französische Atombombe explodierte, schickte er ein Jubeltelegramm an die Techniker und Militärs: "Hurra für Frankreich! Seit heute morgen ist Frankreich stärker und stolzer." Die Bombe wurde de Gaulle zum Symbol für die Emanzipierung von der "offensichtlichen amerikanischen Hegemonie über die westliche Hälfte der Welt" – so Außenminister Couve de Murville. Als Kennedy 1962 London und Paris Polaris-Atomraketen im Rahmen einer multinationalen Nato-Streitmacht anbot, lehnte der General schroff ab. Er witterte einen Versuch, Paris enger an den atlantischen Block zu binden.

Das enge amerikanische Einvernehmen mit Großbritannien lieferte de Gaulle auch den Vorwand, um London 1963 den Zutritt zur EWG zu verwehren. Beredt klagte de Gaulle, es würde "eine gewaltige atlantische Gemeinschaft unter amerikanischer Abhängigkeit und Führung entstehen, die bald die Europäische Gemeinschaft verschlingen würde". Im Jahre 1966 demonstrierte er seine Aversion gegen die "atlantische Integration" am spektakulärsten: Er erklärte den Austritt seines Landes aus der militärischen Integration der Nato. Seine Begründung: "Frankreichs Willen über sich selbst zu bestimmen, ist unvereinbar mit einer Verteidigungsorganisation, in der es sich unterordnen muß."

Unter Lyndon Johnson inszenierte der General dann seine unablässigen Attacken gegen den verhaßten Dollar. Vor allem 1967 präsentierte er den Amerikanern Frankreichs Dollarreserven zum Tausch gegen Währungsgold. Ganze Wagenladungen voll Gold rollten von Fort Knox in die Gewölbe der New Yorker Federal Reserve Bank, wo die Goldbestände der meisten westlichen Länder lagern. Doch der General schickte sogar Sonderflugzeuge in die Staaten, um die Goldbarren demonstrativ nach Frankreich "heimzuholen". Dieser Kampf zwischen David und Goliath hörte erst 1968 auf, als die französischen Devisenreserven auf ein Minimum zusammenschmolzen.

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Gleichzeitig griff de Gaulle frontal die US-Vietnampolitik an. Im Stadion von Pnom-Penh wetterte der General am 1. September 1966 gegen das militärische Engagement Washingtons in Indochina. Hämisch gab er den Amerikanern zu verstehen, er habe weit mehr Gründe gehabt, in Algerien zu bleiben, als Amerika in Vietnam anführen könne. Dennoch sei Paris weise genug gewesen, sich rechtzeitig zurückzuziehen. Im März 1968 lobte de Gaulle dann überschwenglich den Beschluß Präsident Johnsons, Nordvietnam nicht mehr zu bombardieren. Er hatte wohl eingesehen, daß er nur dann die für Frankreichs Ansehen wichtige Mittlerrolle spielen konnte, wenn er seine Frontalangriffe einstellte.

Nach Johnsons Abgang erwärmte sich das Klima zwischen Elysee und Weißem Haus. Der russische Einmarsch in Prag und das Ende des Dollar-Krieges brachten beide Länder einander wieder näher. Präsident Pompidou wollte eine Geste des guten Willens machen und seine erste Reise außerhalb Europas in die Vereinigten Staaten antreten. Doch die Lieferung von Mirage-Jägern an Libyen brachte Amerikas Juden gegen Paris auf und machte Pompidous Reise im Februar 1970 zu einem eklatanten Mißerfolg. Entrüstet berichtet Außenminister Jobert in seinen Memoiren: "Die Franzosen konnten im Fernsehen mit ansehen, wie ihr Präsident und seine Frau beim Verlassen ihres Wagens von einer wütenden Menge empfangen wurden, die in die Hotelhalle eingedrungen war, in der ein offizielles Essen stattfand." Auch Pompidou fand für die Nachlässigkeiten der amerikanischen Regierung keine Entschuldigung. Er reagierte darauf "mit einer Kälte in der Analyse der Beziehungen zwischen beiden Ländern, die nicht seiner ursprünglichen Absicht entsprach" (Jobert).

Vom Postulat der Unabhängigkeit ließ auch Pompidou nicht ab. Die Pariser Warnungen vor einem "atlantischen Europa" wurden immer lauter. Die Intimfeindschaft zwischen Jobert und Kissinger führte zu scharfer Polemik. Joberts Anklage, die USA degradierten durch das "Kondominium" mit der Sowjetunion ihren Bündnispartner Europa zur "Unperson", leitete 1973 Monate harter französisch-amerikanischer Kontroversen ein. Nach Nahostkrieg und Ölkrise, als die Energiekonferenz von Washington zum Fiasko ausartete, fand die Polemik ihren Höhepunkt. "Was will Mister Kissinger eigentlich in Europa haben? Partner oder Domestiken?" fragte Jcbert. Bei Pompidous Tod im vergangenen April war die Stimmung zwischen Paris und Washington schlechter denn je.

Viele Europäer setzten ihre Hoffnungen auf Giscard. Doch der ließ bereits im Wahlkampf alte gaullistische Töne anklingen; und am Todestag de Gaulles rühmte er, sein Vorgänger habe "Frankreich seine Unabhängigkeit zurückgegeben und seiner Größe und Würde gedient". Eines freilich hat sich grundsätzlich geändert: Obwohl die alten Probleme weiterbestehen, wird der Eklat vermieden. "Frankreich hat den Weg der Konzertierung und der Verhandlung gewählt", versicherte Giscard vor zwei Wochen dem neuen US-Botschafter Kenneth Rush.

So werden die Gespräche unter karibischer Sonne offene Diskussionen sein. Vietnam und der Dollar sind zu den Akten gelegt, eine Rückkehr Frankreichs in die Nato steht nicht zur Debatte, das französische Bedürfnis ist zur Genüge bekannt. Giscard wird dem amerikanischen Präsidenten in Ruhe die Gretchenfrage stellen können: Wie haltet ihr es mit der Energiepolitik? Wenn sich Giscard mit Ford auf einen sauberen Kompromiß zu einigen vermag, kann er seinem Land und den europäischen Partnern einen großen Dienst leisten.