Gleichzeitig griff de Gaulle frontal die US-Vietnampolitik an. Im Stadion von Pnom-Penh wetterte der General am 1. September 1966 gegen das militärische Engagement Washingtons in Indochina. Hämisch gab er den Amerikanern zu verstehen, er habe weit mehr Gründe gehabt, in Algerien zu bleiben, als Amerika in Vietnam anführen könne. Dennoch sei Paris weise genug gewesen, sich rechtzeitig zurückzuziehen. Im März 1968 lobte de Gaulle dann überschwenglich den Beschluß Präsident Johnsons, Nordvietnam nicht mehr zu bombardieren. Er hatte wohl eingesehen, daß er nur dann die für Frankreichs Ansehen wichtige Mittlerrolle spielen konnte, wenn er seine Frontalangriffe einstellte.

Nach Johnsons Abgang erwärmte sich das Klima zwischen Elysee und Weißem Haus. Der russische Einmarsch in Prag und das Ende des Dollar-Krieges brachten beide Länder einander wieder näher. Präsident Pompidou wollte eine Geste des guten Willens machen und seine erste Reise außerhalb Europas in die Vereinigten Staaten antreten. Doch die Lieferung von Mirage-Jägern an Libyen brachte Amerikas Juden gegen Paris auf und machte Pompidous Reise im Februar 1970 zu einem eklatanten Mißerfolg. Entrüstet berichtet Außenminister Jobert in seinen Memoiren: "Die Franzosen konnten im Fernsehen mit ansehen, wie ihr Präsident und seine Frau beim Verlassen ihres Wagens von einer wütenden Menge empfangen wurden, die in die Hotelhalle eingedrungen war, in der ein offizielles Essen stattfand." Auch Pompidou fand für die Nachlässigkeiten der amerikanischen Regierung keine Entschuldigung. Er reagierte darauf "mit einer Kälte in der Analyse der Beziehungen zwischen beiden Ländern, die nicht seiner ursprünglichen Absicht entsprach" (Jobert).

Vom Postulat der Unabhängigkeit ließ auch Pompidou nicht ab. Die Pariser Warnungen vor einem "atlantischen Europa" wurden immer lauter. Die Intimfeindschaft zwischen Jobert und Kissinger führte zu scharfer Polemik. Joberts Anklage, die USA degradierten durch das "Kondominium" mit der Sowjetunion ihren Bündnispartner Europa zur "Unperson", leitete 1973 Monate harter französisch-amerikanischer Kontroversen ein. Nach Nahostkrieg und Ölkrise, als die Energiekonferenz von Washington zum Fiasko ausartete, fand die Polemik ihren Höhepunkt. "Was will Mister Kissinger eigentlich in Europa haben? Partner oder Domestiken?" fragte Jcbert. Bei Pompidous Tod im vergangenen April war die Stimmung zwischen Paris und Washington schlechter denn je.

Viele Europäer setzten ihre Hoffnungen auf Giscard. Doch der ließ bereits im Wahlkampf alte gaullistische Töne anklingen; und am Todestag de Gaulles rühmte er, sein Vorgänger habe "Frankreich seine Unabhängigkeit zurückgegeben und seiner Größe und Würde gedient". Eines freilich hat sich grundsätzlich geändert: Obwohl die alten Probleme weiterbestehen, wird der Eklat vermieden. "Frankreich hat den Weg der Konzertierung und der Verhandlung gewählt", versicherte Giscard vor zwei Wochen dem neuen US-Botschafter Kenneth Rush.

So werden die Gespräche unter karibischer Sonne offene Diskussionen sein. Vietnam und der Dollar sind zu den Akten gelegt, eine Rückkehr Frankreichs in die Nato steht nicht zur Debatte, das französische Bedürfnis ist zur Genüge bekannt. Giscard wird dem amerikanischen Präsidenten in Ruhe die Gretchenfrage stellen können: Wie haltet ihr es mit der Energiepolitik? Wenn sich Giscard mit Ford auf einen sauberen Kompromiß zu einigen vermag, kann er seinem Land und den europäischen Partnern einen großen Dienst leisten.