Von Theo Sommer

Auf dem Hof vor dem Präsidentenpalast in Lima rückt klirrend die Ehrenwache ab, die zur Akkreditierung zweier neuer Botschafter aufgezogen war. Am Hintereingang drängeln sich unterdessen die Zeitungsleute. Präsident Juan Velasco Alvarado hat sich angewöhnt, nach derlei Zeremonien eine Pressekonferenz zu veranstalten. Einzeln werden die Journalisten durchs Parktor gelassen, ihre Namen auf der Anmeldeliste abgehakt. Sie warten in der Sonne, bis sich die Flügeltüren öffnen; dann geht es an diskreten Wachen vorbei durchs marmorne Vestibül in das holzgetäfelte Allerheiligste.

Der Präsident, in der Uniform eines Divisionsgenerals, sitzt hinter seinem Schreibtisch; seit einer schweren Operation im Vorjahr hat er nur noch ein Bein. Er scherzt mit der gleichen schlauen Leutseligkeit, die Georgios Papadopoulos zur Schau zu tragen pflegte. Die Pressekonferenz dauert zwei Stunden und dreißig Minuten. Behende springt Velasco von einem Thema zum anderen. Das Scherzen läßt er freilich bald sein.

Die Fragen lassen erkennen, die Antworten unterstreichen es: Das Revolutionsregime, das 1968 in einem unblutigen Staatsstreich den Präsidenten Belaunde stürzte und die politische Macht übernahm, ist heute selber in Schwierigkeiten. Skandale, Teuerung, wirtschaftliche Probleme, öffentliche Kritik, Angst vor der CIA, offensichtliche Meinungsverschiedenheiten in den Reihen der Militärs verdunkeln das Bild einer linken Offiziersrevolution, die sich lange Zeit als Modelo Peruano verstand und zur Nachahmung empfahl.

Als die Offiziere vor sechs Jahren die gewählten Politiker nach Hause schickten, da ging es ihnen nicht einfach um einen Staatsstreich, sondern um eine wirkliche Revolution. Den Revolutionären schwebte ein ganz neuer Entwurf für ihr Land vor. Sie wollten die Herrschaft der einheimischen Oligarchen und der ausländischen Wirtschaftsinteressen brechen; wollten das Vierzehn-Millionen-Volk der Peruaner aus "Unterentwicklung und sozialer Ungerechtigkeit" befreien; wollten die Strukturen der peruanischen Gesellschaft grundlegend verändern. Dies war der Kern des damals ausgearbeiteten Plan Inca.

Die soziale Revolution begann 1968 mit der Verstaatlichung der in US-amerikanischem Besitz befindlichen International Petroleum Company; die Enteignung weiterer Großunternehmen folgte Schlag auf Schlag und endete erst in diesem Jahr mit der Übernahme des Bergbauunternehmens Cerro de Pasco. Schon 1969 dekretierte die Junta im übrigen eine radikale Landreform; die Latifundien wurden enteignet und in Genossenschaften überführt. Schritt um Schritt strebten die peruanischen Generäle danach, eine "soziale Demokratie mit voller Partizipation der Bürger" an. Das Ziel war klar: "Das Land dem, der es bebaut; die Fabriken jenen, die darin arbeiten."

Enttäuschungen sind gleichwohl nicht ausgeblieben. In der Landwirtschaft ist wenigstens die Produktion nicht gesunken – zum Glück hat es seit der Revolution von 1968 noch jedes Jahr geregnet. Aber die Erzeugung hat auch nicht wesentlich zugenommen, höchstens um ein bis anderthalb Prozent. Getreide, Fleisch und Speiseöle müssen eingeführt werden. Vor allem aber: nur jene 12 Prozent der Landbevölkerung, die auf den alten Hazienden arbeiten, sind überhaupt von der Landreform betroffen worden. Die übrigen campesinos die indianischen Bauern auf den Minifundien der Anden, haben wenig davon profitiert. Sie lassen sich auch nur mit Mühe zu Genossenschaften zusammenschließen. Es fehlt vor allem an Fachkräften, die mehr wissen als die Indios selber. Die Hälfte der Bevölkerung lebt noch immer außerhalb des Wirtschaftskreislaufs.