Von Andreas Kohlschütter

Auf dem internationalen Parkett herrscht Hochsaison. Staatsmänner aus Ost und West praktizieren, was Henry Kissinger die "ambulante Diplomatie" nennt: Weltpolitik aus dem Koffer.

In Wladiwostok versuchten Ford und Breschnjew das stockende Salt- und Entspannungsgeschäft wieder in Gang zu bringen; in London redete Bundeskanzler Schmidt den englischen Genossen mit Charme, Schärfe und Shakespeare ins europäische Gewissen; im Elysée tat Giscard beim Diner mit Wilson das gleiche; in Paris sondierte der sowjetische Parteichef, wieviel gaullistische Erbmasse noch übriggeblieben ist; in Washington besprachen Ford und Schmidt Möglichkeiten eines westlichen, wirtschaftspolitischen Krisenmanagements; auf Martinique wollen Ford und Giscard den Brückenschlag zwischen ihren divergierenden Öl- und Nahoststrategien versuchen. Dazwischen versammelte sich die Neuner-Seilschaft in Paris zum EG-Gipfeltreffen und die Nato in Brüssel zur Jahresend-Inventur.

Dem Gipfelsturm und Gipfeldrang der führenden westlichen Staatsmänner scheint ein neu geschärfter Sinn für die Bedrohlichkeit der Lage zugrundezuliegen. Die Wirtschaft hat dabei den Vorrang. Sie ist zum eigentlichen Kern der Außen- und Sicherheitspolitik geworden. Alle Spitzenpolitiker wissen, was bei der Energiekrise, der Bekämpfung der Inflation und der Arbeitslosigkeit auf dem Spiel steht. Kissinger hat es oft genug gesagt, Helmut Schmidt rief es dem Labour-Parteitag zu: "Wenn es uns nicht gelingt; die gegenwärtigen wirtschaftlichen Probleme durch eine enge internationale Zusammenarbeit zu lösen, bringen wir die politische Stabilität der westlichen Demokratien in Gefahr."

Die Einsicht in die kollektive Krisenabhängigkeit kam der in Paris bekräftigten und gekräftigten EG zugute, die sich immer mehr als europäische Notgemeinschaft versteht. Zu ihr hat sich endlich auch Harold Wilson bekannt. Von Helmut Schmidt bedrängt, versprach der britische Premier zum ersten Male, er wolle sich "mit ganzem Herzen für den Erfolg des europäischen Unternehmens" einsetzen – falls die Londoner Neuverhandlungsbedingungen befriedigend erfüllt würden. Das Versprechen wurde mit der Zustimmung der Gipfelkonferenz zum Regionalfonds und zu einer eventuellen Minderung des britischen Finanzbeitrages honoriert.

Im Ost-West-Verhältnis bleibt es bei der Entspannung als Generallinie. Die Schadenfreude sowjetischer Ideologen über die westlichen Krisenerscheinungen wird in engen Grenzen gehalten. Die Moskauer Realpolitiker sehen klar: ungeschoren würde auch die Sowjetunion mit ihren ehrgeizigen Fortschrittsplänen und ihrem technologischen Nachholbedarf den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Westens nicht überstehen. Breschnjew will die Kapitalisten nicht begraben, sondern Geschäfte mit ihnen machen. Die Spannung in der Entspannung ist damit jedoch keineswegs ausgeräumt, die Teufel in den vielen noch zu klärenden Details sind nicht bezwungen.

Die Partnerschaft zwischen Europa und Amerika hat noch immer ihre dünnen Stellen. Dazu gehören vor allem die unterschiedlichen Vorstellungen über die Verteidigungs- und Erdölstrategie. Im Energiebereich zeichnet sich indes – nach Schmidts Besuch in Washington und vor Giscards Tête-à-tête mit Ford auf Martinique – doch eine Annäherung der Standpunkte ab: engere Koordination zwischen den Verbraucherländern, zugleich mehr Kooperation, nicht Konfrontation mit den Erdölproduzenten. Das hervorstechende Merkmal der gegenwärtigen Phase in den europäisch-amerikanischen Beziehungen liegt darin, daß auch strittige Punkte in Ruhe und Sachlichkeit behandelt werden, ohne die sterile Aufgeregtheit, die noch vor einem Jahr auf beiden Seiten des Atlantiks im Schwange war.