Warum die neuen Machthaber in Äthiopien kaum an das Geld des Negus herankommen

In seinem langen Leben hätte Haile Selassie, entmachteter Kaiser von Äthiopien, jeden Tag gut eine Million Schweizer Franken auf seine Bankkonten transferieren müssen, um die abenteuerliche Summe von 40 Milliarden zusammenzusparen. Diesen Betrag haben die Spekulationen über die Höhe des Kaiser-Vermögens bereits erreicht. Wieviel der Negus tatsächlich außer Landes schaffen ließ, bleibt vorerst eines der bestgehüteten Schweizer Bankgeheimnisse.

Auch eine Delegation der neuen Herren im afrikanischen Hochland, die sich in Bern angemeldet hat, wird nicht viel erfahren. Mit den Geldern ausländischer Machthaber (und Mafiabosse) haben eidgenössische Politiker zumindest direkt nichts zu tun. Nicht "die Schweiz" kann das Bankgeheimnis lüften und Haile Selassies Guthaben aushändigen. Nach Schweizer Recht handelt es sich um eine privatrechtliche Angelegenheit, die zwischen den Banken und den Äthiopiern direkt ausgehandelt werden muß.

Erfolg werden die äthiopischen Machthaber nur haben (und das Geld erhalten), wenn sie nachweisen können, daß sie entweder eine Vollmacht des Negus besitzen (diese darf nicht unter Druck abgegeben worden sein) oder daß die angelegten Gelder unrechtmäßig erworben wurden.

Wenn dies schon eine reichlich verkürzte und vereinfachte Darstellung der schwierigen Rechtslage ist, ein Gerichtsverfahren ist noch viel komplizierter. Die Mauern um das Schweizer Bankgeheimnis sind hoch und fest. In den Vorstandsetagen läßt man lediglich durchblicken, daß man im Falle Äthiopien "nicht voreilig handeln" will. Aus Erfahrungen habe man gelernt, tunlichst ein Gerichtsverfahren und ein Urteil abzuwarten.

Deshalb reagieren die Banken im Fall Haile Selassie, als wüßten sie von nichts. Sie verweisen auf ähnliche Beispiele in der Schweizer Bankgeschichte. Doch auch das führt nicht weiter, denn schweigsam waren die eidgenössischen Bankiers schon immer. Entsprechend ist man auch bei den zahlreichen Affären früherer Zeiten weitgehend auf Spekulationen angewiesen. Wenig ist über das Vermögen des japanischen Kaisers bekannt, das in der Schweiz blockiert sein soll. Hundert Millionen Franken soll der Tenno vor oder während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz deponiert haben. Die Verfügungsgewalt darüber übertrug er zwei hohen Beamten, und das war falsch: Ein Bevollmächtigter soll verschwunden, der andere ermordet sein.

Oder die Affäre Trujillo, die vor zwölf Jahren platzte und bis heute ungelöst ist. An die 800 Millionen Franken soll der dominikanische Diktator während seiner zwanzigjährigen Blutherrschaft an sich gerafft und nach Genf geschafft haben. Nach seiner Ermordung stritten sich seine Erben; Schweizer Banken mit Trujillo-Guthaben krachten zusammen; Richard Nixon, damals nicht mehr Vizepräsident und noch nicht Präsident der Vereinigten Staaten, mischte als Anwalt mit. Letzte Notiz: Die Schweizer Untersuchungsbehörden zogen im Februar 1967 das Auslieferungsbegehren gegen Ramfis Trujillo, den in Spanien lebenden Sohn des Diktators, zurück.