Es können keine Zweifel daran bestehen, daß die Anregung der Investitionstätigkeit gegenwärtig ein vorrangiges Ziel der Wirtschaftspolitik sein muß. Nur so kann die Basis für späteres Wachstum gelegt werden, wenn man vermeiden will, daß Wachstum sich nur im Preisanstieg abspielt. Die heutigen Investitionen schaffen das Angebot, das der steigenden Nachfrage gegenüberstehen muß. Für den Konjunkturpolitiker ist damit die Richtung klar, Sorgen aber beschleichen den, der über die strukturellen Konsequenzen nachdenkt.

Denn eines scheint schon jetzt ziemlich sicher: Die neuen Kapazitäten der Industrie werden wieder in erheblichem Umfang für das Exportgeschäft aufgebaut werden. Die hohe Marktsättigung mit Industrieprodukten im Inland und das geringe Bevölkerungswachstum machen es höchst unwahrscheinlich, daß der heimische Markt die höhere Produktion aufnehmen wird. Vielmehr ist zu befürchten, daß die Lieferungen ins Ausland noch verstärkt werden. Damit aber müßte sich die ohnehin schon problematische Überschußposition der deutschen Wirtschaft im Außenhandel weiter erhöhen. Auf die Gefahren dieser Entwicklung habe ich bereits früher in dieser Zeitung hingewiesen.

Wie aber sehen die Alternativen aus, an denen der Strukturpolitiker seine Maßnahmen ausrichten könnte? Die Analyse muß wohl damit beginnen, daß man die Bedarfsreserven festzustellen versucht. Das Ergebnis ist eindeutig: Ungedeckte Nachfrage findet sich in erster Linie im Bereich der Dienstleistungen. Dieser Schluß kann kaum überraschen. Vor Jahrzehnten schon haben Wirtschaftswissenschaftler die Weiterentwicklung der Industriewirtschaft zur Dienstleistungswirtschaft prognostiziert. Bis hierhin also bewegt man sich im Grunde auf ausgetretenen Pfaden.

Problematisch wird die Sache erst, wenn man mit der Analyse einen Schritt weiter geht. Die größten Bedarfsreserven finden sich nämlich im Bereich des öffentlichen Angebots. Am stärksten ist das Defizit in der Infrastruktur. Man denke nur an Kranken- und Altersversorgung, öffentlichen Nahverkehr, Bildung und Wissenschaft, sozialen Wohnungsbau, Energieversorgung und ähnliche Sektoren. Es kann kaum bezweifelt werden, daß das Nachfragewachstum hier am ausgeprägtesten ist.

Diese Feststellung aber ist für einen Marktwirtschaftler recht unerfreulich. Denn diese Entwicklung muß unausweichlich zu einem wachsenden Staatsanteil am Sozialprodukt führen, es sei denn, man eröffnet der Privatwirtschaft auch auf diesen Gebieten ein Betätigungsfeld. Eine solche Öffnung scheint nicht einmal abwegig. Denn in einer Reihe von Fällen ist der Staat doch nur aktiv geworden, weil privates Kapital anderen Bedarfsdeckungen Vorrang eingeräumt hat. Nachdem dieser Bedarf in erheblichem Umfang befriedigt wurde, wäre eine Umlenkung privater Aktivitäten durchaus sinnvoll. Vielfach könnte die Nachfrage dann viel rationeller gedeckt werden, als das heute durch den Behördenapparat geschieht. Wenn übrigens aus sozialen Gründen eine Kapitalverzinsung bei solchen Projekten unerwünscht ist, könnte der Staat durch Zuschüsse die Rentabilität sichern. Er käme mit Sicherheit erheblich billiger dabei weg, als wenn er alles in eigener Regie weitermachen will. Warum sollte man beispielsweise den Massenverkehr oder den sozialen Wohnungsbau nicht von kostenbewußten Unternehmern durchführen lassen?

Sicher Denkanstöße nur, aber doch wohl auch Möglichkeiten, den kaum noch kontrollierbaren Staatsapparat auf die Gemeinschaftsaufgaben zu beschränken, die anders (noch) nicht gelöst werden können. Der wesentliche Vorteil läge darin, das Prinzip von Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit in weiteren Bereichen durchzusetzen. Denn auch eine so starke Volkswirtschaft wie die deutsche muß mit ihren Reserven vorsorglich umgehen. öffentliche Verschwendung bedeutet auf die Dauer eine Auszehrung der Leistungskraft, eine weiter wachsende Steuerlast hemmt den Leistungswillen.

Noch mögen solche Gedanken undenkbar sein. Der Strukturwandel aber kommt. Wenn die Dienstleistungswirtschaft nicht eine Staatswirtschaft sein soll, muß man den Prozeß schon heute zu steuern versuchen. Auch in der Industrie gilt es zu überlegen, ob man mit den neuen Kapazitäten die Auslandsabhängigkeit noch erhöhen will oder ob man nicht besser die Investitionspolitik neu zu orientieren hat. Den ersten Schritt allerdings müßten die Strukturpolitiker machen und die Voraussetzungen dafür schaffen.