Von Karl Morgenstern

Der junge Mann ist 25 Jahre alt, Sportstudent in Dresden und ganze 1,64 m groß. Vor drei Jahren spielte er noch Eishockey beim SC Einheit Dresden. Vor einem Jahr nahm er in der Weltrangliste über 500 m mit 39,8 Sekunden den 38. Platz ein. Geschmälert wurde der Wert dieser Leistung obendrein noch durch den Umstand, daß Klaus Knauer diesen DDR-Rekord auf der Hochgebirgsbahn von Medeo im fernen Kasachstan aufgestellt hatte, wo man gemeinhin – wie auf allen Hochgebirgsbahnen – wesentlich schneller ist. Doch in diesen Wochen hat dieser junge Mann gleich im doppelten Sinne für Aufsehen gesorgt: Erstens lief er auf dem 400-m-Oval von Karl-Marx-Stadt 39,1 Sekunden über 500 m und das ist immerhin Saisonbestzeit. Und eine Woche später schlug er beim Festival der schnellsten Eissprinter auf der neuen Bahn von Berlin-Wilmersdorf, die als eines der schönsten Eisschnellaufstadien Europas und vielleicht sogar als schnellste Flachlandbahn des Kontinents gelten darf, sogar den norwegischen Weltmeister Per Björang. Klaus Knauer, vor einem Jahr noch völlig unbekannt, ist ein Weltklasseläufer geworden, der via Olympia 1976 in Innsbruck gefürchtet und respektiert werden muß. Dabei widerspricht dieser junge Mann aus Dresden allen herkömmlichen Kriterien dieses Sports. Mit 1,64 m ist er eigentlich viel zu klein für Höchstleistungen. So urteilen die Physiker dieses Sports, denn auch im Eisschnellauf kommt es auf die rechten Hebelverhältnisse an. Und zweitens hat er erst vor drei Jahren mit dem Eisschnellauf begonnen. Und nach landläufiger Expertenweisheit brauchen Eisschnelläufer mindestens vier bis fünf Jahre, um, zur absoluten Weltklasse vorzustoßen.

Doch Klaus Knauer hat diese Experten handfest widerlegt. Er hat – wieder einmal – den himmelweiten Unterschied zwischen Theorie und Praxis bloßgelegt. Und was für ihn gilt, trifft auch auf alle anderen Eisschnelläufer aus der DDR zu, die mit ungewöhnlich schnellen Schritten in die Weltklasse hineinstürmen. Es gibt das spöttische Wort im europäischen Eisschnellauf, das ein norwegischer Trainer prägte: „In der Bundesrepublik werden die neuen Bahnen gebaut – und in der DDR werden die neuen Olympiasieger trainiert.“ Von der Wahrheit ist diese Behauptung nicht weit entfernt: In Berlin-Wilmersdorf wurde das zweite 400-m-0val eingeweiht, in Grefrath am Niederrhein wächst das dritte Eisschnellaufstadion seiner Vollendung entgegen und in fünf weiteren Städten der Bundesrepublik existieren bereits handfeste Baupläne für neue 400m-Kunsteisbahnen. Dagegen gibt’s in der DDR nur zwei Eisschnellaufstadien in Ost-Berlin und Karl-Marx-Stadt – und eine dritte Bahn ist vorläufig nicht geplant. Trotzdem haben die Eisschnelläufer der DDR bereits zu Saisonbeginn für Schlagzeilen gesorgt und bestätigt, daß man künftig mit ihnen leben muß. Der Eisschnellauf der Bundesrepublik wird de facto – trotz der Sprinter Horst Freese, Hans Lichtenstern und Walter Koppen, der bislang die in ihn gesetzten großen Hoffnungen noch nicht zu erfüllen vermochte – heutzutage nur von einer Läuferin präsentiert. Deutlicher gesagt: Nur die 20jährige Olympiasiegerin Monika Holzner-Pflug genügt höchsten internationalen Ansprüchen, obwohl gerade die Teenager aus der DDR an ihrem Thron rütteln und bemüht sind, die durch den Rücktritt der besten Holländerinnen entstandene „Marktlücke“ zu ihren Gunsten zu schließen.

Tatsächlich ergeht es den Eisschnelläufern Europas jetzt nicht besser und schlechter als den Turnern, Schwimmern oder Leichtathleten: Sie müssen den DDR-Talenten ihren obligaten Tribut zollen. Europas renommierte Trainer, Herbert Höfl und Henk von Dijk aus der Bundesrepublik, Leen Pfrommer und Gerard Maarse aus den Niederlanden, Penti Peltoperä aus Finnland und nicht zuletzt der norwegische Erfolgscoach Thormod Moum, haben sich mit den spektakulären Erfolgen der jungen „Emporkömmlinge“ aus Ost-Berlin, Karl-Marx-Stadt und Dresden abfinden müssen.

Vor drei Jahren wurde im Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) der DDR die Devise ausgegeben, den Eisschnellauf – im Sprachgebrauch der DDR-Sportführung eine medaillenintensive Sportart – forciert zu fördern. Rudi Schmieder wurde Cheftrainer, die zweite Bahn in Karl-Marx-Stadt wurde gebaut und im übrigen wurde die Kinder- und Jugendspartakiade – wie im Schwimmen oder Turnen – das große Rüttelsieb, durch dessen enge Maschen kein Talent entschlüpfen konnte. Das Ergebnis ist eindrucksvoll: Binnen 36 Monaten gelang dem DDR-Eisschnellauf der Einbruch in die Weltklasse. Eine Helga Haase, 1960 in Squaw Valley Olympiasiegerin im Eissprint, oder eine Ruth Schleiermacher, 1971 in Inzell Sprint-Weltmeisterin, waren noch Zufallsprodukte. Doch die 18jährige Oberschlülerin Ute Dix vom SC Karl-Marx-Stadt, die in Medeo mit 84,000 Punkten bereits bis auf 1,095 Punkte an den berühmten Vierkampf-Weltrekord der Eisschnellauf-Legende gewordenen Holländerin Atje Keulen-Deelstra (182,805 Punkte) herangekommen ist, der 20jährige Junioren-Weltmeister Manfred Winter vom gleichen Club oder Klaus Knauer sind keine Zufallsprodukte mehr, sondern Ergebnisse der Spartakiade-Bewegung. Hinter diesem Trio, das bereits für Schlagzeilen gesorgt hat, steht ein gutes halbes Dutzend Läuferinnen und Läufer, die man schon zur europäischen Extraklasse zählen darf. Bundestrainer Herbert Höfl ist jedenfalls unter die Propheten gegangen: „Im letzten Winter kamen die Jungen und Mädchen aus der DDR. In diesem Winter sind sie da. Im nächsten Winter, gerade richtig zu den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck, werden sie ganz vorn sein.“ Die Prophetie Herbert Höfls basiert auf der Erkenntnis des Experten Höfl: „Es ist einfach unglaublich, in welchem Maße sich die DDR-Läufer technisch verbessert haben. Die Mädchen übrigens noch mehr als die Jungen.“ Der Stilist Höfl weiß, daß Technik im Eisschnellauf die Basis zum Erfolg ist: Erhard Keller und Monika Holzner-Pflug, seine berühmtesten Schützlinge, haben es bewiesen.

Thormod Moum aus Oslo, einst deutscher und heutzutage wieder norwegischer Eisschnellauftrainer, doziert: „Künftig führt der Weg zu internationalen Erfolgen nur noch über die DDR.“ Eisschnellauf gehört seit nunmehr drei Jahren im anderen Teil Deutschlands wieder zu jenen Sportarten, wo Höchstleistungen gewissermaßen staatlich geförderte Bürgerpflicht sind. Also laufen Klaus Knauer und Manfred Winter, der 21 jährige Vierkampf-Rekordmann Harald Oehme und der 1,97 m große Mittelstreckler Klaus Wunderlich aus Ost-Berlin – sozusagen das Gegenstück zum 1,64 m großen Sprinter Knauer –, die beiden 20jährigen Ost-Berlinerinnen Monika Zernicek und Karin Kessow, Ute Dix und das 18jährige Sprinttalent Heike Lange aus Ost-Berlin der Konkurrenz auf und davon. In diesem Winter werden sie Niederlagen, vor denen sie nicht geschützt sind, nicht schmerzen. Im olympischen Winter werden dergleichen Niederlagen Seltenheitswert haben. Europas berühmtester und erfolgreichster Eisschnellauftrainer Leen Pfrommer aus den Niederlanden stellt sachlich fest: „Die Langeweile im Eisschnellauf ist vorbei. Es gibt neue Namen aus einem Land, das in unserem Sport jahrelang keine Rolle mehr gespielt hat.“ Der Major der Königlich Niederländischen Militärakademie in Breda sagte nur die halbe Wahrheit: Die DDR-Talente mögen in diesem und auch im nächsten Winter das Salz in der Suppe der fade gewordenen Eisschnellauf-Meetings sein. Doch wie langweilig kann der internationale Eisschnellauf eines Tages werden, wenn die Mädchen aus der DDR in diesem Sport – zumindest in Europa – so überlegen werden wie ihre Schwimmerinnen? Die Vierkampf-Europameisterschaft der Frauen fällt in diesem Winter aus, weil sich – außer den Abonnementsausrichtern Sowjetunion und Holland – kein Interessent fand. Die Veranstaltungen waren zu langweilig geworden. Jetzt sind die guten „Meisjes“ abgetreten. Die Sowjets fürchten – in Europa – nur die Läuferinnen aus der DDR – und Monika Holzner-Pflug. Aber Monika Holzner-Pflug wird nur noch bis 1976 laufen. Dann kann – zumindest bei den Frauen – der Eisschnellauf in Europa zur einseitigen Hausmannskost werden. Die von Leen Pfrommer zitierte Langeweile, kaum vorüber, bleibt der Alptraum des europäischen Eisschnellaufs. Jedenfalls beim schwachen Geschlecht. Das Salz an der Suppe bleiben, bei den Frauen, die schnellen amerikanischen Sprinterinnen. Nur sie können langfristig die Szenerie beleben.