In Paris wurde viel geredet, doch auch einiges entschieden

Von Dieter Buhl

Paris, im Dezember

Der Bundeskanzler war bereits auf dem Flug nach Bonn zu neuen, innenpolitischen Taten, als Staatspräsident Giscard d’Estaing die Bilanz des Gipfeltreffens zog. Trotz der späten Stunde trat er leichtfüßig und elastisch wie ein durchtrainierter Sportler vor die zusammengepferchten Journalisten, um ihnen ein neues Kapitel in der Geschichte der Gemeinschaft zu verkünden. Seine Entschuldigung, daß er zu spät gekommen sei, weil es ungeheuer tiefschürfende Diskussionen gegeben habe, wurde nicht von allen ernstgenommen. Geredet haben die Europäer schon häufig genug, und auch mit dem nötigen Tiefgang. Nur hat es leider meist nicht zu konkreten Entscheidungen gelangt.

Diesmal ist geredet und entschieden worden. Das eine gewiß mehr als das andere, aber insgesamt reicht es zu einer befriedigenden Note. In der Rangliste der bisherigen Gipfeltreffen kommt der Pariser Begegnung wohl der zweite Platz zu: Sie rangiert hinter dem Durchbruch vom Haag 1969, war aber erfolgreicher als die erste Pariser Konferenz von 1972 mit ihrem Visionen-Schwall und das Kopenhagener Krisen-Treffen im vorigen Jahr.

Im Wechselbad

Wie alles in der Gemeinschaft, so bot auch diese Konferenz ein Bild der Widersprüche. Das gilt für die Atmosphäre wie für die Ergebnisse. Das Wechselbad der Stimmungen ließ lange keinen Schluß darüber zu, ob nun wirklich der "Prozeß der Entblockierung" eingesetzt hatte, der allenthalben beschworen wurde. Momente der allgemeinen Herzlichkeit wechselten unversehens mit harten Auseinandersetzungen. Den Briten, die zuvor als potentielle Störenfriede eingestuft worden waren, wurde von allen Seiten interessierte und konstruktive Mitarbeit nachgesagt, wenngleich sie sich in der Frage der Mehrheitsbeschlüsse bockig zeigten. Italiener und Iren hingegen, denen schon vor dem Treffen große regionalpolitische Zugeständnisse garantiert worden waren, gaben sich auf einmal widerborstig.