In der Reihe "suhrkamp taschenbuch Wissenschaft", die wegen ihres Programms Beachtung verdient, erschienen zwei Standardwerke der politischen Philosophie, die zu Basisproblemen der heutigen Auseinandersetzung mit "linken" und "rechten" Modellen der gesellschaftsbestimmenden Ideen führen:

Hans Barth: "Wahrheit und Ideologie". 331 Seiten, 9,– DM.

Friedrich Albert Lange: "Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart". Herausgegeben und eingeleitet von Alfred Schmidt. Zwei Bände, 1018 Seiten, 28,– DM. Beide im Suhrkamp Verlag, Frankfurt

Hans Barth (1904 bis 1965) beschäftigte sich in seiner erstmals 1945 erschienenen Untersuchung mit der historischen Realität einer "Geisteshaltung", die er im Vorwort so definiert:

"Wer von Ideologie spricht, versucht eine gegnerische geistige oder politische Position zu entwerten, indem er sie als Standort- und interessenbedingte Perspektive nachzuweisen trachtet. Gleichzeitig unternimmt er es, die eigenen Aspekte und Haltungen vor dem Forum der Vernunft als allgemeinverbindlich zu legitimieren..."

Kritik der Ideologie also, eines Begriffes, der von Antoine Destutt de Tracy (1754–1836) in der Nachfolge von Condillac geschaffen wurde und als Zentrum einer philosophischen Lehre gedacht war, "die das Fundament für sämtliche Wissenschaften" bilden sollte. Die Abwertung des Begriffs geht auf Napoleon Bonaparte zurück. Idee und Ideologie im geistes- und naturwissenschaftlichen Denken: das ist Barths Forschungsmotiv.

Die Hauptkapitel sind betitelt: "Bacons Idolenlehre und ihre politisch-antikirchliche Interpretation durch Helvetius und Holbach" – "Ideologie und ideologisches Bewußtsein in der Philosophie von Karl Marx" – "Schopenhauers ‚eigentliche Kritik der Vernunft" – "Nietzsches Philosophie als "Kunst des Mißtrauens’". Schon daran kann man die Spannweite dieser Untersuchung ablesen.

Friedrich Albert Lange (1828–1875) stand mit seiner kritischen Materialismusgeschichte und -Interpretation "in der Tradition Schopenhauers; sie bildet seine wesentliche Quelle Nietzsches und wirkt fort in Horkheimers "Kritischer Theorie". Das in der vorliegenden Ausgabe über tausend Seiten umfassende Werk aus dem Jahre 1866 gehört zu den wichtigen kritisch-aufklärerischen Leistungen der deutschen Geistesgeschichte und steht den Konzepten bedeutender rationaler Denker Englands und Frankreichs nahe, die sich der naturwissenschaftlichen Erfahrungswerte in der Interpretation gesellschaftspolitischer Erscheinungsformen bedienten. Egbert Hoehl