Der Spieler wurde ausgewechselt. Als er den Platz verließ und die Trainerbank passierte, spuckte er deshalb seinen eigenen Trainer an. Doch dies läßt die Verhältnisse nicht im wahren Licht erscheinen, vielmehr die Tatsache, daß der Trainer erklärte, er habe nicht bemerkt, daß man ihn anspie. Jawohl, denn woher sollte er wissen, wer hinter dem Spieler steht? Die Lage abwägend sah er in Sekundenschnelle ein, er könne den Kürzeren ziehen – ihm wird gekündigt, und der Spieler bleibt. Also leugnete er das Anspeien – beide blieben.

Nicht etwa Siege und Tore, sondern solche Enthüllungen erregen in diesen Tagen die Gemüter der ungarischen Fußballfans – erschienen in einem unscheinbaren Taschenbuch unter dem Titel: "Warum ist der ungarische Fußball krank?" Antal Végh, der Verfasser, ist Soziologe. Inzwischen ist sein Buch verboten. Mit erstaunlichem Mut sucht er nach "Krankheitserregern", die den Fußballsport der Magyaren fast völlig ruinierten. Zum ersten Male wird hier über Vorgänge berichtet, die bis jetzt im sozialistischen Ungarn zu den bestgehüteten Geheimnissen der Sportführung gehörten. Die mit emsigem Fleiß zusammengetragenen Informationen Antal Véghs offenbaren ein Bild, das durch seine Intrigen, Korruptionen, Unmoral und Motivationslosigkeiten selbst für die Zukunft nichts Gutes erwarten läßt.

Obwohl sie hinter ihren berühmten Vorgängern weit zurückbleiben und international gesehen nur Mittelmaß darstellen, genießen die ungarischen Fußballer unbegreifliche Privilegien. Dazu Végh: "Wenn ein Normalsterblicher im betrunkenen Zustand Auto fährt und dabei erwischt wird, muß er zahlen und verliert den Führerschein. Tut ein bekannter Spieler das gleiche, schüttelt der Polizist höchstens den Kopf. Es kam sogar schon vor, daß der Ordnungshüter sich selbst ans Lenkrad setzte und den alkoholdurchtränkten Sportler persönlich nach Hause fuhr. Überfährt ein Alltagsbürger einen Fußgänger, wird er selbstverständlich bestraft. Der Fußballer kommt mit einem Urteil auf Bewährung davon. Ihm werden in allen Lebensbereichen Vorrechte gewährt. Sein Kind kommt in den Kindergarten, auch dann, wenn vorher 100 Arbeiterfamilien abgewiesen wurden. Seine Frau bekommt die Stelle im Frisiersalon, der vorher schon zehn Arbeitswillige wegschickte. Ein Fußballer erhält den begehrten Pkw von heute auf morgen, während man auf diesen Wagen sonst vier Jahre Wartezeit in Kauf nehmen muß."

Daß diese Lage aufrechterhalten wird, dafür sorgen Personen, die eigentlich mit dem Fußballsport nicht das Geringste zu tun haben, aber auf Grund ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht die Richtlinien der Klubs hinter den Kulissen bestimmen.

"Allgemein wird angenommen, der ungarische Fußballsport werde durch verschiedene wirtschaftliche Organisationen unterstützt. Im Gegenteil, die Leiter solcher Institutionen machen ihn kaputt. Wir wissen von Vorfällen, bei denen Generaldirektoren oder Generalmajore in der Pause die Kabinen stürmten um zu helfen, dabei aber nur Schaden anrichteten. Die Aufschrift "Eintritt für Fremde verboten" hat für sie keine Gültigkeit. Fremde sind sie nicht, sie sind vielmehr die Seele der Sache – gleichzeitig aber auch ihr Ruin. Sie fordern das persönliche Mitbestimmungsrecht mit dem Geld des Staates."

Diese grauen Eminenzen, schrecken vor nichts zurück, wie das nächste Zitat beweist:

"Was kann man von solchen Funktionären erwarten, die die Treue eines Spielers mit einem goldenen Ring honorieren, den dieser in einem düsteren Budapester Nachtlokal verpfändet, um seine Zeche zu bezahlen. Dann forschen die Mäzene fleißig nach dem Käufer, erwerben den Ring aufs neue, geben ihn dem Spieler zurück, denn schließlich – wegen dessen Treue – hat ein Goldschmied den Schmuck für teures Geld angefertigt."