Als "psychische Folter" bezeichnete Jean-Paul Sartre die Haftbedingungen des Anarchisten Andreas Baader in Stuttgart-Stammheim. Eine Stunde lang hatte sich der französische Philosoph zuvor mit dem Untersuchungshäftling unterhalten. Das effektvoll arrangierte Treffen am Mittwoch mittag vergangener Woche war erst nach längerem Verwirrspiel um die Besuchserlaubnis, die Zeitdauer und die Person des Dolmetschers zustande gekommen. Der linksorientierte Repräsentant des atheistischen Existentialismus, 69 Jahre alt, wollte sich vor allem über die Handlungsmotive der Baader-Meinhof-Gruppe und ihr politisches Selbstverständnis informieren.

Sartre gab seinen Eindruck von Baader wieder: "Er hat das Gesicht eines gefolterten Menschen." Dies sei "nicht die Folge wiebei den Nazis", betonte er, vielmehr werde beabsichtigt, psychische Störungen herbeizuführen, dadurch, "daß der Mensch völlig abgeschnitten wird von allem".

Sartres Behauptungen ("Baader und die anderen leben in einer weißen Zelle. In dieser Zelle hören sie nichts außer dreimal am Tag die Schritte der Wächter, die das Essen bringen 24 Stunden lang brennt das Licht") stehen im Gegensatz zu allen amtlichen Erklärungen. Danach stehen den Untersuchungsgefangenen Bücher, Rundfunk, Zeitungen und Zeitschriften nach Wahl zur Verfügung; gegenseitiger Besuch in den Zellen ist ebenso erlaubt wie der Besuch der Anwälte oder Verwandten; das Licht wird nachts gelöscht.

Zurückhaltender war Sartre auf Fragen über seine Einstellung zu den Aktivitäten der Anarchisten. Aus französischer Sicht halte er deren Position für "politisch irrelevant". Baader habe "aufrichtig" versucht, Prinzipien in die Tat umzusetzen, allerdings sehe er, Sartre, diese Taten für falsch an.

Der Schriftsteller und Dramatiker rief Intellektuelle in der Bundesrepublik, "die moralisch über jeden Zweifel erhaben sind", zur Beteiligung an einem internationalen Komitee auf, das zur Verteidigung der Inhaftierten gegründet werden solle. Er nannte dabei den Namen Böll. Heinrich Böll ließ inzwischen seine Bereitschaft erkennen, solch einem Komitee beizutreten. Zuvor müsse allerdings klargestellt werden, "daß der Strafvollzug in der Bundesrepublik natürlich nicht schlimmer, schrecklicher als in anderen Ländern der Welt ist".