"Schwarzer Freitag" auf Raten – Seite 1

Von Jens Friedemann

George Schaefer, bekannter Wall-Street-Experte und Vermögensberater, zog auf seine Art die Konsequenzen: Nachdem seine Kunden erhebliche Verluste erlitten hatten, stürzte er sich aus dem 14. Stock eines Chicagoer Wolkenkratzers in den Tod. Als Anfang der Woche die Kurse an der New Yorker Börse ihren tiefsten Stand seit zwölf Jahren erreichten, dürften etliche Makler in Wall Street ähnliche Gedanken beschlichen haben. "Mehr als hundert Brokerhäuser haben bereits Konkurs angemeldet oder fusioniert", erklärte Börsenchef James J. Needham. Die 500 Mitgliedsfirmen des einst renommiertesten Börsenklubs der Welt müssen in diesem Jahr zusammen Verluste von voraussichtlich hundert Millionen Dollar melden.

Depressions-, Chaos- oder Kriegskurse, das sind heute die Schlagworte, mit denen die Situation an den Börsen von New York, London, Paris, Tokio, Zürich und Mailand beschrieben wird. Rund achtzig Millionen Aktionäre zwischen Beirut und Hamburg, Tokio und Toronto, 31 Millionen davon in den USA und sechs Millionen in der Bundesrepublik, verloren in den vergangenen zwanzig Monaten bis zu neunzig Prozent ihres Aktienvermögens. Die Börsenlieblinge von einst sind heute zu Schleuderpreisen erhältlich – aber niemand will sie. So stürzte beispielsweise Polaroid in wenigen Monaten von 149 auf 20 Dollar, General Motors von 113 auf 30 Dollar, Control Data von 163 auf 11 Dollar und IBM von 340 auf derzeit 170 Dollar.

Schock für Anleger

"Signale einer neuen Weltwirtschaftskrise" glaubte das Wall Street Journal zu hören. Doch es ist kein einzelner Donnerschlag, der eine weltweite Depression ankündigt. Der "Schwarze Freitag", der am 25. Oktober 1929 die düsterste Wirtschaftsepoche der westlichen Welt einleitete, findet diesmal in Raten statt: Innerhalb von eineinhalb Jahren rutschte der Dow-Jones-Index, populärer Wertmesser der Aktien von dreißig renommierten Industriefirmen in den USA, von 1050 auf 577 Punkte herunter. Nach dem panikartigen "Schwarzen Freitag" war der Index innerhalb von drei Jahren von 368 auf schließlich 40 Punkte gestürzt.

Andere Kursindices, die die Spekulationstemperaturen genauer messen als der traditionelle Dow Jones, zeigen inzwischen ebenfalls nur noch ein eisiges Klima in den Börsensälen an. Nüchterne Kalkulationen sind "Sensationsgerüchten gewichen, die ans Verrückte grenzen", gestand George Loveday, Vorstand der Londoner Börse.

Wie in Wall Street, Mailand oder Tokio rüttelt die Inflation auch in London an den Grundfesten der Börse. Mehr als dreißig renommierte Maklerhäuser, darunter Firmen aus dem letzten Jahrhundert, wie Mitton Butler Priest oder Capman and Rowe, mußten die Pforten schließen. Die Kurse sanken in London schneller als nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 und verloren mehr an Wert als je zuvor in der britischen Geschichte. Dauerte es nach dem "Schwarzen Freitag" vierzig Monate, bis sich der Kurswert britischer Aktien halbiert hatte, so dauerte es diesmal nur dreißig Monate, bis der Indes der Financial Times für Industrieaktien von seinem Höchststand von 543,5 Punkten am 19. Mai 1972 auf derzeit 163 Punkte heruntersackte.

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Die Börsen, Spiegelbild wirtschaftlicher Erwartungen, reagieren nicht einmal mehr auf die Meldung steigender Gewinne und Dividenden positiv. Ungeachtet der Lehrbuchmeinung, daß die Kurse steigen, wenn die Zinsen sinken und die Gewinne wachsen, vollzieht sich diesmal eine völlig andere Entwicklung: In Wall Street stürzten die Kurse, obwohl Amerikas Wirtschaftsunternehmen die höchsten Profite seit Jahrzehnten meldeten und die Zinsen von ihrem Rekordstand von 12,5 Prozent Anfang Juli längst auf zehn Prozent herabgesunken sind. Doch was auf den ersten Blick widersinnig erscheint, entpuppt sich bei genauerer Analyse als ein "realistisches Gespenstersystem", wie es im Kommentar eines New Yorker Wirtschaftsprüfers heißt.

Wird ... nicht, wie bei der herkömmlichen Methode der Gewinnermittlung, der Zeitwert einer Maschine oder Industrieanlage, sondern deren Wiederbeschaffungswert und damit die Inflation berücksichtigt, bleibt von den Supergewinnen nämlich nicht viel übrig. Die "Anleger würden einen Schock bekommen", meint Angela Falkenstein vom Washington Survey einem Informationsblatt zur Aktienanalyse, wenn ihnen diese Zahlen bekannt wären. General Motors hätte danach für 1973 statt eines Gewinnzuwachses von sechzig Prozent einen Verlust von 22 Prozent erlitten, Esmark statt plus dreißig Prozent ein Minus von 34 Prozent, US-Steel statt eines Bombengewinns von 107 Prozent lediglich dreißig Prozent aufs eingesetzte Kapital verdient.

Während die Inflation Scheingewinne produziert, zahlten US-Unternehmen mit insgesamt 33,2 Milliarden Dollar die höchsten Dividenden in der Nachkriegszeit. "Eine verhängnisvolle Entwicklung", kommentiert das US-Handelsministerium. Zwei Drittel aller Gewinne kommen seiner Meinung nach dadurch zustande, daß Rohstoffe wie Öl billig eingekauft und jetzt zu den höheren Preisen bewertet werden. Zieht man diesen Inflationsgewinn ab, so verbleibt als realer Gewinn nur noch ein Betrag von 25,2 Milliarden Dollar. Das aber sind acht Milliarden Dollar weniger, als an Dividenden ausgeschüttet wurden.

Beginnen die Rohstoffpreise zu sinken – und das tun sie bereits –, wird offenkundig, daß Scheingewinne ausgeschüttet worden sind. "Die Dividendenkrise ist vorprogrammiert", warnt deshalb das Wirtschaftsmagazin Business Week. Sinken die Ausschüttungen, werden die Aktienkurse nochmals einen kräftigen Stoß nach unten erhalten. Kreditengagements, für die Aktien als Sicherheiten gegeben wurden, platzen. Die Papiere müssen verkauft werden. Die Baisse nährt die Baisse. Um die hohen Ausschüttungen – und damit die Kurse – halten oder gar steigern zu können, müssen zahlreiche Firmen ihre Investitionen drosseln. Das aber kostet Arbeitsplätze und Gewinn.

Angesichts dieser Aussichten läßt sich Wall Street zur Zeit weder von hohen Gewinnen noch von sinkenden Zinsen blenden. Im Gegenteil: Von 1350 untersuchten US-Firmen – so meldeten die Wertpapierexperten des Value Line Investment Survey – werden zur Zeit 146 zu nicht einmal "Liquidationswerten", das heißt unter ihrem Substanzwert, gehandelt. Trotz hoher Unternehmensgewinne erhalten die betroffenen Aktionäre damit an der Börse beim Verkauf zur Zeit weniger für ihre Papiere, als sie bei einer Auflösung der Gesellschaft und nach Abzug sämtlicher Verbindlichkeiten erwarten könnten.

Auf Baisse spekulieren

Konjunkturpessimismus und Krisenangst bestimmen das Bild an den Börsen. Für einen kurzen Stimmungsumschwung sorgen lediglich hin und wieder Investmentfonds und Versicherungsgesellschaften, die ihre Gelder anlegen müssen. Privatleute entdeckten mittlerweile völlig neue Betätigungsfelder. Nachdem der Immobilienboom in den USA zusammengebrochen ist und an den Rohstoffbörsen hektische Schwankungen die Gewinne auszulöschen beginnen, spekulieren sie auf Baisse und verdienen, wenn die Kurse fallen.

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Nur Brokerhäuser, die sich auf solche und ähnliche Spezialgeschäfte konzentrieren, machen zur Zeit noch gute Geschäfte. Broker E. F. Hutton, drittgrößter Wall-Street-Makler, konnte als einziges Börsenhaus der Welt in den neun Monaten bis Oktober einen Rekordgewinn von fast 250 Prozent erzielen; und während zahlreiche Konkurrenten die Koffer packten und ihre Büros schlossen, konnte Hutton ein internationales Filialnetz aufbauen.

Mit einem "phänomenalen Erfolg" (Royal Mint of New York) rechnen auch Goldhändler und -makler in Wall Street. In Zeitungsanzeigen, Broschüren und Seminaren offerieren sie Lebenshilfe für die in Sachen Gold durch die vierzigjährige Prohibition unerfahrenen Amerikaner, denen Anfang nächsten Jahres grünes Licht für den privaten Golderwerb erteilt wird. Jedermann will dabeisein, wenn der erwartete Goldrausch beginnt. Mehrere Warenterminbörsen richteten zu diesem Zweck Goldterminkontrakte für Spekulanten ein. Banken, Metallhändler und Investmenthäuser werben für neue Goldfonds. Und in den Bücherläden stapelt sich druckfrische Lektüre mit guten Ratschlägen für Goldspekulanten.

Doch für alte Börsianer gehört auch der sich ankündigende Goldrausch nur zu den Vorboten einer neuen Weltwirtschaftskrise. Der "run" ins Gold, hohe Inflationsraten, steigende Arbeitslosenziffern, Streiks, eine nie gekannte Pleitenwelle, stagnierendes Wachstum und eine allgemeine Unsicherheit signalisieren den "Beginn der vermutlich schärfsten Rezession der Nachkriegszeit", schrieb Leif H. Olsen, Konjunkturexperte der First National City Bank im Wall Street Journal. Nicht Marx und Mao gefährdeten die westliche Wohlstandsgesellschaft, sondern Politiker, die wirtschaftliche Probleme mit dem Dreschflegel überholter Schutzzölle und nationaler Egoismen austreiben wollten.