Die Börsen, Spiegelbild wirtschaftlicher Erwartungen, reagieren nicht einmal mehr auf die Meldung steigender Gewinne und Dividenden positiv. Ungeachtet der Lehrbuchmeinung, daß die Kurse steigen, wenn die Zinsen sinken und die Gewinne wachsen, vollzieht sich diesmal eine völlig andere Entwicklung: In Wall Street stürzten die Kurse, obwohl Amerikas Wirtschaftsunternehmen die höchsten Profite seit Jahrzehnten meldeten und die Zinsen von ihrem Rekordstand von 12,5 Prozent Anfang Juli längst auf zehn Prozent herabgesunken sind. Doch was auf den ersten Blick widersinnig erscheint, entpuppt sich bei genauerer Analyse als ein "realistisches Gespenstersystem", wie es im Kommentar eines New Yorker Wirtschaftsprüfers heißt.

Wird ... nicht, wie bei der herkömmlichen Methode der Gewinnermittlung, der Zeitwert einer Maschine oder Industrieanlage, sondern deren Wiederbeschaffungswert und damit die Inflation berücksichtigt, bleibt von den Supergewinnen nämlich nicht viel übrig. Die "Anleger würden einen Schock bekommen", meint Angela Falkenstein vom Washington Survey einem Informationsblatt zur Aktienanalyse, wenn ihnen diese Zahlen bekannt wären. General Motors hätte danach für 1973 statt eines Gewinnzuwachses von sechzig Prozent einen Verlust von 22 Prozent erlitten, Esmark statt plus dreißig Prozent ein Minus von 34 Prozent, US-Steel statt eines Bombengewinns von 107 Prozent lediglich dreißig Prozent aufs eingesetzte Kapital verdient.

Während die Inflation Scheingewinne produziert, zahlten US-Unternehmen mit insgesamt 33,2 Milliarden Dollar die höchsten Dividenden in der Nachkriegszeit. "Eine verhängnisvolle Entwicklung", kommentiert das US-Handelsministerium. Zwei Drittel aller Gewinne kommen seiner Meinung nach dadurch zustande, daß Rohstoffe wie Öl billig eingekauft und jetzt zu den höheren Preisen bewertet werden. Zieht man diesen Inflationsgewinn ab, so verbleibt als realer Gewinn nur noch ein Betrag von 25,2 Milliarden Dollar. Das aber sind acht Milliarden Dollar weniger, als an Dividenden ausgeschüttet wurden.

Beginnen die Rohstoffpreise zu sinken – und das tun sie bereits –, wird offenkundig, daß Scheingewinne ausgeschüttet worden sind. "Die Dividendenkrise ist vorprogrammiert", warnt deshalb das Wirtschaftsmagazin Business Week. Sinken die Ausschüttungen, werden die Aktienkurse nochmals einen kräftigen Stoß nach unten erhalten. Kreditengagements, für die Aktien als Sicherheiten gegeben wurden, platzen. Die Papiere müssen verkauft werden. Die Baisse nährt die Baisse. Um die hohen Ausschüttungen – und damit die Kurse – halten oder gar steigern zu können, müssen zahlreiche Firmen ihre Investitionen drosseln. Das aber kostet Arbeitsplätze und Gewinn.

Angesichts dieser Aussichten läßt sich Wall Street zur Zeit weder von hohen Gewinnen noch von sinkenden Zinsen blenden. Im Gegenteil: Von 1350 untersuchten US-Firmen – so meldeten die Wertpapierexperten des Value Line Investment Survey – werden zur Zeit 146 zu nicht einmal "Liquidationswerten", das heißt unter ihrem Substanzwert, gehandelt. Trotz hoher Unternehmensgewinne erhalten die betroffenen Aktionäre damit an der Börse beim Verkauf zur Zeit weniger für ihre Papiere, als sie bei einer Auflösung der Gesellschaft und nach Abzug sämtlicher Verbindlichkeiten erwarten könnten.

Auf Baisse spekulieren

Konjunkturpessimismus und Krisenangst bestimmen das Bild an den Börsen. Für einen kurzen Stimmungsumschwung sorgen lediglich hin und wieder Investmentfonds und Versicherungsgesellschaften, die ihre Gelder anlegen müssen. Privatleute entdeckten mittlerweile völlig neue Betätigungsfelder. Nachdem der Immobilienboom in den USA zusammengebrochen ist und an den Rohstoffbörsen hektische Schwankungen die Gewinne auszulöschen beginnen, spekulieren sie auf Baisse und verdienen, wenn die Kurse fallen.