Von Gabriele Venzky

Es mag nur noch eine Frage von Tagen oder Stunden sein, bis auch Haile Selassie, Äthiopiens Kaiser, unter den Kugeln des Exekutionspelotons stirbt. Zum erstenmal hatten die Studenten von Addis Abeba am 2. September den Tod des Negus Negesti gefordert. Damals war die äthiopische Revolution knapp zehn Monate alt. Die neuen Herren des Landes, die Militärs im Komitee der Streitkräfte, hatten zwar damit begonnen, die ausführenden Organe des Herrschers als die Repräsentanten des alten Regimes zur Verantwortung zu ziehen, Haile Selassie aber, den Mittelpunkt des verhärteten, stagnierenden, korrupten Systems schonten sie. Wohl mußte er am 12. September seinen Palast räumen und wurde per Volkswagen-Käfer in eine "schäbige Hütte" auf dem Lande transportiert, aber die unblutige Revolution der kleinen Schritte schien für sein Überleben zu bürgen.

Seit drei Wochen ist das nicht mehr der Fall. In der letzten Novemberwoche wurden nach einem Überraschungscoup der radikalen, kompromißlosen Offiziere im Militärrat, 60 ehemals mächtige Äthiopier ermordet, unter ihnen zwei frühere Ministerpräsidenten, hohe Offiziere, Großgrundbesitzer, Hofschranzen und die Gemäßigten der äthiopischen Revolution, allen voran General Andom, bis zu diesem Zeitpunkt der "starke Mann" im Militärdienst. Daß die zweite, die blutige Phase, der äthiopischen Revolution vor dem Mann Halt macht, den viele seiner Landsleute als den Hauptschuldigen für die Rückständigkeit des Landes und für den Hungertod von 100 000 Einwohnern der Provinz Wollo betrachten, ist unwahrscheinlich.

Ob es dem 82jährigen Negus gelingt, mit seinem in die Schweiz geschafften Vermögen von angeblich 25 bis 27 Milliarden Mark (zum Vergleich: das äthiopische Bruttosozialprodukt belief sich 1971 auf rund 6,7 Milliarden Mark), seinen Kopf freizukaufen, ist fraglich.

Das Buch von

Christian Potyka: "Haile Selassie. Der Negus Negesti in Frieden und Krieg"; Osang Verlag, Bad Honnef 1974; 300 S., 38 – DM

hätte zu keinem aktuelleren Zeitpunkt erscheinen können. Allerdings müßte der Autor den deskriptiven Kern seiner zunächst als Dissertation vorgelegten Arbeit durch eine umfassendere Analyse der äthiopischen Sozialstrukturen ergänzen, aus denen sich letzten Endes die Hungerkatastrophe und die Machtübernahme durch das Militär entwickelten, ebenso wie durch eine ausführliche Schilderung der Entwicklung nach dem Abessinienkrieg. Von 272 Seiten beschäftigten sich aber nur 78 Seiten mit den Ereignissen nach 1941.