Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Dezember

Einerseits ist Heinrich Gewandt, Bundestagsabgeordneter der CDU seit 1957, in einer angenehmen Lage: seit er sich, weil unter Bestechungsverdacht geraten, von allen Funktionen als Volksvertreter hat beurlauben lassen, kann er sich um so mehr seinen zahlreichen außerparlamentarischen Ämtern widmen, die mit der Vertretung von Interessen des Mittelstands im Allgemeinen und von solchen der Drogisten im Besonderen zu tun haben. Er tut dies um so unbefangener, als er sich mit reiner Weste sieht.

Auf der anderen Seite freilich ermittelt die Koblenzer Staatsanwaltschaft weiter. Sie hegt den Verdacht, Gewandt könnte an jener möglichen Beamtenbestechung durch den Rüstungslobbyisten Friedrich Marxen beteiligt sein, der die Staatsanwälte seit Wochen nachgehen. Marxen vertritt unter anderem die Interessen der französischen Firma SNECMA, die nach einigem Gerangel den Zuschlag für den Einbau ihrer Triebwerke in das Kampfflugzeug "Alpha-Jet", eine deutsch-französische Gemeinschaftsproduktion, erhalten hat.

Das Kettenglied zwischen Gewandt und Marren, gegen den schon seit 1973 wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung ermittelt wird, ergab sich, als bei einer Durchsuchung des Briefkastenbüros, das Marxen in der Steueroase Liechtenstein unterhält, Briefe Gewandts gefunden wurden, in denen sich der Abgeordnete für gezahlte Gelder bedankt und mit merkwürdig verschlüsselten Formulierungen neue Zuwendungen erbittet.

Nach wie vor stellt Gewandt entschieden in Abrede, daß jene Zahlungen, die sich zwischen 1969 und 1972 zu rund 152 000 Schweizer Franken summiert haben, irgend etwas mit den SNECMA-Triebwerken zu tun hätten. Es handele sich einzig und allein um private Wahlkampfspenden Marxens an den Diskussionskreis Mittelstand der CDU/CSU-Fraktion, dem Gewandt seit 1965 vorsitzt und an ihn selbst – Spenden, die dann auch wirklich für Wahlkampfzwecke verwendet worden seien.

Tatsächlich hat sich der Verdacht, daß jene Gelder auch als Treibsatz für die "Alpha-Jet"-Triebwerke gedient haben könnten, bisher nicht erhärten lassen. Ein Bestochener ist von der Staatsanwaltschaft noch nicht präsentiert worden. Und was die geheimnisvollen Abkürzungen in den Briefen Gewandts betrifft, die der Abgeordnete heute selbst "saudumm" nennt, so steht das Kürzel "P." Zum Beispiel für den ehemaligen, inzwischen gestorbenen CSU-Schatzmeister Pohle oder das Kürzel "S." für den Geschäftsführer des Mittelstandskreises, Spary.