ARD, Donnerstag, 5. Dezember: "Sterbehilfe – Mord oder Möglichkeit?", Bericht von Wilma Kottusch

Am Donnerstagabend wurde, zwischen zehn und elf, über den Anarchismus und, zwischen elf und zwölf, über die Euthanasie diskutiert. Baader-Meinhof und Sterbehilfe: Das hat, so scheint es, wenig miteinander gemein – und in der Tat unterschied sich Wilma Kottuschs ebenso humane wie schonungslose Dokumentation des Todeseintritts sehr nachdrücklich von einer Debatte, in der Zynismus und Verteufelung dominierten. Da wurde, von Seiten der Rechten, nicht argumentiert, sondern verdächtigt. Die Devise law and Order kam wieder zu Ehren – und sie sei fröhlich zu vertreten, wie Wolf Schneider betonte. Differenzierung war nicht gefragt.

Als Kurt Sontheimer und Minister Maihofer die Motive des Berliner Bischofs von den Motiven anderer Gefangenenbesucher zu unterscheiden versuchten (es müsse einen jungen Mann doch geradezu zur Gewalttat ermuntern, hatte Schneider gesagt, daß er gewärtig sein dürfe, einen Philosophen und einen Bischof in seiner Zelle zu empfangen), da erklärte Erwin K. Scheuch, der sich an diesem Abend einmal mehr als General-Inquisitor der Studentenbewegung gerierte, daß es an der Zeit sei, endlich auf die Tat und nicht auf die Tatmotive zu blicken. Das heißt: Warum Kurt Scharf Ulrike Meinhof besucht hat, ist ohne Bedeutung; wichtig allein bleibt, daß er es tat.

Mit dem verwegenen Satz "Hören wir auf, von Motiven zu sprechen" wurden – ohne daß jemand Einspruch erhob – nicht nur der Bischof von Berlin, sondern de facto auch der große Papst Johannes, der zu den Gefangenen ging, und alle diejenigen an den Pranger gestellt, deren Motiv (jawohl, Motiv!) ihre Menschlichkeit war. Die Menschlichkeit und der Wille, das Jesus-Wort zu realisieren: "Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zu rufen. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu bewegen."

Wenn die Tat alles und das Motiv nichts ist: worin besteht dann der Unterschied zwischen einem SS-Schergen, der "lebensunwertes Leben" vernichtet, und einem Arzt, dem es als Gebot der Humanität erscheint, einen Sterbenden nicht länger zu quälen? Wenn nur das Faktum zählt und die Faktoren ohne Belang sind: wo liegt dann der Unterschied zwischen passiver und aktiver Euthanasie?

Sobald man aufhört, nach Motiven zu fragen, sind Teil und Parricida, Himmler und Staufenberg gleich. Dann ist kein Unterschied zwischen Mord und Tötung auf Verlangen, zwischen einem Arzt, der die Spritze gibt, weil er Mitleid mit dem Schmerzgepeinigten hat, und dem anderen Arzt, der ein Ende macht, weil ihn die Angehörigen drängen. Der Film über die Sterbehilfe bewies, wohin man kommt, wenn die Frage nach den Motiven als, bestenfalls, zweitrangig eingestuft wird.

In dieser Dokumentation wurde mit Hilfe von eindringlichen Bildern verdeutlicht, daß Tötung nicht gleich Tötung, Euthanasie nicht gleich Euthanasie ist und daß der Entschluß, einen Kadaver nicht länger mehr künstlich zu beatmen, sich qualitativ von dem Vorsatz unterscheidet, einem bei Bewußtsein befindlichen Menschen zu helfen, seiner Bitte "Ich möchte sterben, Herr Doktor, ich möchte mich nicht sterben lassen" willfährig zu sein und ihm Mittel zu verabreichen, die nicht nur schmerzlindernd, sondern auch lebensverkürzend sind.