Den erfolgreichsten Film des Jahres 1974 haben nach fünf Wochen Spielzeit in 85 bundesdeutschen Kinos schon weit über eine Million Menschen gesehen. Was aber das Publikum scharenweise in die Lichtspielhäuser treibt, provoziert Kritiker zu heftigen Attacken: "Ein böser und hinterhältiger, in seiner Einstellung geradezu gefährlicher Film" – "die bisher perfideste Variante des amerikanischen Polizeifilms" – "Faschismus auf der Leinwand" – "unverantwortliche Ausbeutung der Angst" – "brandstiftender Zynismus" – "Rückzug auf atavistische Formen menschlichen Zusammenlebens. Der Film paßt in die wachsende Abneigung, die Widersprüche und Schwierigkeiten moderner Industriegesellschaften rational auszuhalten."

Der Film zeigt und propagiert Selbstjustiz; Selbstjustiz in New York, in einer Stadt also, in der die Kriminalität wuchert, in der die Verbrechensquote fast viermal so hoch ist wie in der Bundesrepublik. Brutal-Superstar Charles Bronson spielt einen erfolgreichen Architekten und einstigen Kriegsdienstverweigerer, der zum Privaträcher wird, nachdem seine Frau ermordet, seine Tochter vergewaltigt wird und im Irrenhaus landet. Die Polizei gibt sich wenig zuversichtlich, die Täter aus dem Großstadtsumpf zu fischen. Also nimmt Bronson die Sache selber in die Hand. Nicht, daß er sich gezielt auf die Suche nach jenen begibt, die seine Familie dezimiert haben, nein – er will gründlich aufräumen unter den "Ratten", dem "Gesindel". Bewußt provoziert er sie zum Angriff im Park, in der U-Bahn, auf Hinterhöfen, um sie dann in "Notwehr" zu erschießen.

In New York findet die Filmbotschaft große Zustimmung. Man applaudiert auf offener Szene, und eine Befragung der New York Times ergab, daß von 30 Kinobesuchern nur vier Bedenken gegen die Selbstjustiz hatten.

Wie reagieren die Bundesdeutschen auf den Film? In Hamburg läuft der Streifen in zwei Kinos. Wir fragten nach der Vorstellung einige Besucher.

"Selbstjustiz ist wohl nicht das Richtige. Mehr oder weniger würde ich das ablehnen. Allerdings waren die Polizisten auch große Trottel."

"Teils ist das doch berechtigt, denn das nimmt doch überhand mit den Kriminellen. Selbst zu schießen, würde vielleicht zu weit führen, aber teils finde ich es in Ordnung. Daß die Polizei den Mann nicht verhaftet, sondern stillschweigend abschiebt, finde ich richtig. Dann glauben die Verbrecher doch, daß er noch da ist, und die Kriminalität wird weniger."

"Selbstjustiz? Nein, das würde doch zum Chaos führen. Aber für die Polizei war Stillhalten die einzige Chance, um ihr weiches Durchgreifen zu rechtfertigen."