Alle Jahre wieder klingelt vor Weihnachten in vielen Kinderheimen das Telephon und zahlreiche Anrufer fragen, ob sie ein "armes Waisenkind" zum Fest zu sich nehmen könnten. Und Heimleiter haben in den Tagen vor Weihnachten die nicht "leichte" Aufgabe, solche Anrufer zu enttäuschen, die für einen oder zwei Tage Liebe schenken wollen. Solche Angebote werden entschieden abgelehnt, denn Heimkinder sind keine Kulisse als "Christbaumdekoration".

Es fehlt gewiß nicht an Liebe zu Weihnachten. Doch mit solch "Heilig-Abend-Liebe" ist es nicht getan: Die Kinder werden für kurze Zeit aus ihrem Rhythmus herausgerissen, erleben eine neue Umgebung mit fremden Menschen und müssen dann wieder in das Heim zurück. Sie fühlen sich dann nur noch stärker als Außenseiter, und das angeknackste Selbstwertgefühl verliert weiter an Sicherheit. Viele Kinder erleiden dadurch einen Schock, und die Erzieher müssen viel Mühe und Geduld aufbringen, um die seelischen Wunden der Jungen und Mädchen wieder zu heilen.

Heimkinder sind keine "Leihgaben" für Betriebsfeiern von Vereinen, die gern ein "trauriges Heimkind" strahlen sehen möchten. Wichtiger ist, daß diese Kinder nicht enttäuscht werden. Es sollten keine emotionalen Beziehungen eingegangen werden, die dann doch nicht aufrecht erhalten werden. Zwei Beispiele: Die neunjährige Anna erlebte vor Jahren Weihnachten in einer wohlhabenden Familie in Krefeld. Sie wurde regelrecht mit Speisen und Süßigkeiten gemästet und mit Geschenken überhäuft. Sie kam krank ins Heim zurück. Weit bösere Nachwirkungen hatte der "Heilige Abend" für einen kleinen Sozialwaisen, der sich von seinen "Weihnachtseltern" bei der Rückkehr nur schwer trennen konnte. Sie versprachen, ihn zu besuchen und zu schreiben. Das Kind wartete vergeblich.

Das Heimkind braucht keine Almosen, es braucht vielmehr die Bestätigung zur Individualität in der Gesellschaft. Nicht Mitleid, sondern Bestätigung und Anerkennung. Wichtiger als die materielle Hilfe ist der menschliche Kontakt. Solche Bemühungen sind wohl der einzige Weg, auf dem verhindert werden kann, daß die sozial geschädigten Kinder und Jugendlichen aus Heimen nicht mehr herauskommen, sondern sich vielmehr in unserer Gesellschaft und Umgebung wieder zurechtfinden und eingliedern. Gesucht werden vor allem auch Pflegestellen für verhaltensgestörte Kinder, die viel individuelle Betreuung und echte Geborgenheit und Nestwärme brauchen. Die Bereitschaft, Heimkindern helfen zu wollen, darf nicht aus einer moralischen Stimmung heraus entstehen, aus einem Sozialbedürfnis, sondern aus einer "gesunden Einstellung" zu diesen Kindern. Man darf sich nicht zuviel zumuten und muß sich ernsthaft fragen, ob man fähig ist zu einer Bindung auf Zeit und zu einer Einbeziehung der Kinder in den eigenen Lebenskreis. Sonst wird das Gegenteil von dem erreicht, was erreicht werden möchte, und statt Hilfen für die Kinder werden nur neue Aufgaben an das Heim herangetragen.

Warum regt sich das soziale Bedürfnis und Gewissen der Bürger überwiegend nur vor Weihnachten? Das Jahr ist doch lang. Wenn uns das Weihnachtsfest erst zur Liebe wachrütteln muß, dann haben wir den eigentlichen Sinn der Nächstenliebe nicht verstanden. Statt dessen müßte jeder viel mehr Eigeninitiative entfalten, sich in seiner Umgebung umsehen: Wo herrscht Not, und wo kann ich etwas Gutes tun.

Adolf Sawitzky, Heimleiter des evangelischen Kinderheimes Brinckhausen, Krefeld