Nach der zweiten Vernehmung des Verfassungsschutzpräsidenten Günther Nollau vor dem Guillaume-Ausschuß läßt sich der Widerspruch zwischen seiner Aussage und der des früheren Bundesinnenministers Genscher nicht länger als Mißverständnis erklären. Kein Zweifel: einer lügt – Genscher oder Nollau.

Entweder ist die Version des Ministers richtig, er habe Nollau schon einen Monat vor der Reise von Bundeskanzler Brandt nach Norwegen – Juli 1973 – angerufen und ihm mitgeteilt, der als Agent verdächtigte Guillaume werde Brandt in den Urlaub begleiten. Oder Nollau sagt die Wahrheit: Dann hätte er erst nach der Abreise Brandts von Genscher erfahren, wer den Kanzler begleitete, und nicht einmal, daß Guillaume als einziger Referent mit von der Partie war.

Beide Versionen sind gleich schlimm, soweit es den vorbeugenden Geheimschutz angeht. Dem Spion konnte es egal sein, ob der Minister oder der Chef des Verfassungsschutzes ihm durch Untätigkeit Zugang zur geheimen Kanzlerkorrespondenz verschafften. Die politischen Spätfolgen des Versagens hingegen könnten eine Koalition erschüttern, falls sich herausstellte, daß der Hammel nicht ein Beamter im Rang eines Ministerialdirektors, sondern dessen mittlerweile zum Außenminister und FDP-Vorsitzenden gekürter Chef gewesen wäre. H. Sch.