Von Ernst Klee

Ab Marburg fährt die Bahn eingleisig. Der Eilzug bahnt sich im Bummeltempo seinen Weg, tutet bei Feldwegen, hält an Bahnstationen, wo nur ein paar Anwesen zu sehen sind. Es geht vorbei an schmucken oberhessischen Bauernhäusern, an Rübenfeldern, Weiden. In Biedenkopf, einer Kleinstadt mit zahlreichen Traditionsvereinen, steige ich aus. Im Ort sind Hinweisschilder, wie es zum Bürgerhaus geht oder zum Hallenbad, doch Hinweise zum Jugendheim Staffelberg fehlen. Man verdrängt die "erziehungsschwierigen Burschen", schämt sich, mit dem Makel belastet zu sein.

Das Städtchen liegt abseits, das Jugendheim Staffelberg liegt noch weiter abseits, an seinem Rand. "Irgendwo da hinten", erklärt mir eine Ortsansässige, "wie es aber weitergeht, weiß ich nicht." Dort, wo die Straße aufhört, wo der Wald beginnt, stehen die verschiedenen Häuser des Staffelberg. Zum Wohle "unseres deutschen Vaterlandes", so der Bürgermeister bei der Einweihung 1962, wurde vor mehr als zehn Jahren der Staffelberg gebaut, der in seiner pädagogischen Anlage einmal als "revolutionierend und Wegweisend" galt, dann 1969 von der APO unter Andreas Baader als "Anpassungslager des Kapitalismus" in Verruf geriet und heute von den Biedenköpfern gerne mit Bulldozern plattgewalzt würde.

Im Haus, wo Direktor Karl-Heinz Matthieu und zwei Psychologen residieren, stinkt es gleich am Eingang nach Urin, weil die Jugendlichen seit offensichtlich geraumer Zeit unter die Treppenabsätze pinkeln. Etwa hundert Kinder und Jugendliche finden im Staffelberg eine Bleibe, weil ihr Fehlverhalten nach Ansicht der Jugendämter oder Gerichte so offenkundig ist, daß sie eine staatlich verordnete Erziehung brauchen. Matthieu umreißt die Situation knapp: "Wir sitzen auf unserem Hintern auf der rauhen Wirklichkeit und strampeln uns ab."

Ein Staffelberger zu sein heißt: Abbruch der Lehre, Bruch mit der Familie, Diebstähle, Versagen in der Schule. Wird ein Junge aufgenommen – manche werden kurzfristig telephonisch avisiert –, dann kennt das Heim zunächst nur die Akte, kennt aber nicht das soziale Milieu, in dem der Junge scheiterte. In der Regel wird der Junge "zugeführt". Dann bringt ihn ein Betreuer vom Jugendamt. Manchmal wird der junge Mann auch von der Untersuchungshaft her "überstellt". Manchmal bringen ihn auch Angehörige. Im seltenen Fall kommt er allein. Wo er hinverlegt wird, ist vorher nach der Aktenlage bereits entschieden worden.

Ist er wirklich eingetroffen (und nicht "auf Transport" schön abgehauen), führt das Haus mit ihm ein Eingangsgespräch. "Komm, hier ist es so eng", sagt dann manchmal der Heilpädagoge zu dem Jungen und geht mit ihm in die Turnhalle. Und manchmal sagt er auch: "Ein Glück, daß du hierher gekommen bist." Direktor Matthieu behilft sich mit dem Satz: "Hier ist ein neuer Anfang." Und er glaubt daran, wenn er erklärt: "Wenn er ein frischbezogenes Bett sieht und seine Ecke, dann glaubt er, daß es hier gut ist." Ob der Junge das lange glaubt, ist eine andere Frage, denn abends kriegt er erst mal Gruppenkeile, um ihm die Hackordnung klarzumachen.

Über den Jungen wird in der Zwischenzeit eine Heimakte angelegt, die Personalien enthält und eine Anamnese des Psychologen, Halbjährlich werden Erziehungsberichte angefertigt. "Das ergibt im Laufe eines Jahres doch allerhand Papier", denn die Akte erfaßt alle Vorgänge im Heim.