Von Theo Sommer

Unter den Tragflächen der Boeing dehnt sich stundenlang die grüne Unendlichkeit: von den Anden bis hinauf zur Karibe, vom Maracaibo-See bis hinüber nach Guayana. Venezuela ist dreieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik, aber die Hälfte des Landes bedeckt tropischer Regenwald. Drei Viertel der zwölf Millionen Venezolaner leben denn auch in Städten, und es werden jedes Jahr mehr. Stadtluft macht frei, hoffen die Zuzügler – frei und, quien sähe, vielleicht auch reich. Aber der Traum wird nicht vielen erfüllt. In den Städten siedeln Reichtum, und Elend noch immer dicht nebeneinander.

In der Hauptstadt Caracas mit ihren 2,2 Millionen Einwohnern springen dem Fremden die krassesten Kontraste ins Auge: ein Autoverkehr, der jeden Tag auf den Stadtautobahnen zu stundenlangen Staus gerinnt, inmitten einer Wolkenkratzerorgie von Beton und Glas; daneben die barrios, Armeleuteviertel aus abenteuerlich zusammengestückelten Hütten, die wie Bienenwaben an den Berghängen kleben und in denen an die 800 000 Menschen leben.

Nicht, daß es die graue Trostlosigkeit jenes Elends wäre, das die Europäer kennen;dazu ist das Tropenklima zu freundlich. In Süditalien oder in Griechenland habe ich Dörfer gesehen, die schlimmer sind. Im übrigen gibt es in den barrios längst Autos und Fernseher, meist sogar Elektrizität und Wasseranschluß – wo es um Stimmen geht, lassen die Politiker sich nicht lumpen. Aber die menschliche Misere hinter den windschiefen Mauern läßt sich nicht mit Verbrauchsgütern kompensieren: Zigtausende zerbrochener Familien, allein in Caracas 200 000 auf sich selbst gestellte Kinder, Männer, die nur von Gelegenheitsarbeit leben. Die Aussichten jedoch, daß es bald besser wird, sind gering – trotz einer funktionierenden Demokratie, wie sie in Südamerika ihresgleichen sucht; trotz der Öldollars, die neuerdings das Land überschwemmen; und trotz eines Zielbewußtseins an der Spitze, das in diesen Breitengraden auch nicht alltäglich ist.

In der Tat bildet Venezuela in dreierlei Hinsicht eine Ausnahme unter den südamerikanischen Staaten. Es ist ein Entwicklungsland, gewiß, aber es ist demokratisch; es ist reich; und es weiß, was es will. Carlos Andrés Peréz, Präsident seit dem 12. März 1974, sieht sein Land ganz bewußt als Modell für Lateinamerika. In dem riesigen politischen Labor des Subkontinents, in dem gegenwärtig alle möglichen Formeln erprobt werden – rechts und militärisch in Brasilien, links und zivilistisch in Argentinien, links und militärisch in Peru –, verkörpert Venezuela die demokratische Option.

Seitdem die Venezolaner im Jähere 1958 die Jimenez-Diktatur abgeschüttelt haben, hat ihr Land viermal freie und ehrliche Wahlen erlebt und dabei zweimal ohne Erschütterung einen Machtwechsel zwischen Regierung und Opposition vollzogen. Ein Zug zum Zweiparteiensystem ist unverkennbar: die Sozialdemokratischen Aceton Demokratien des Präsidenten Peréz, die zur Zeit in beiden Kammern die absolute Mehrheit stellt, und die christlichsoziale Copei eines Amtsvorgängers Candera erreichten bei den letzten Wahlen zusammen 75 Prozent der Stimmen; die Linke kratzte mit all ihren Splitterungen eben 10 Prozent zusammen. Die Einübung der Demokratie ist gelungen; die politischen Strukturen haben sich als stabil und flexibel erwiesen.

Dazu kommt der Reichtum, der in erster Linie auf Öl und Eisen beruht. Venezuela ist der fünftgrößte Erdölproduzent und – nach Saudiarabien und dem Iran – der drittgrößte Erdölexporteur der Welt. Seine Jahresproduktion von 155 Millionen würde ungefähr den Bedarf der Bundesrepublik decken. Nach dem Haushaltsvoranschlag für 1975 machen die Öleinnahmen, die in diesem Jahr sprunghaft auf 10 Milliarden Dollar angestiegen sind, 85 Prozent des Etats aus. Vergleichbaren Geldsegens kann sich kein anderes lateinamerikanisches Land rühmen. Damit ließe sich ein Wirtschaftswunder schon finanzieren.