Sehr geehrter Herr Crous!

Als ich Ihren Leserbrief im "Spiegel" 48/74 las, staunte ich über die offenbarte Einseitigkeit, nennen wir es abgemildert "Verbandsmonopolismus". Man kann die Probleme, die sich in Form von Parallelität, Überschneidung, Selektion beziehungsweise Reibung im Bereich der offenen (Medien) und verdeckten (ND) Informationsgewinnung ergeben, aus diversen Blickwinkeln betrachten. Nachfolgend nur einige Nachdenkanstöße. Seien Sie versichert: Ich rede nicht wie ein Blinder von der Farbe.

1. Jeder moderne ND beobachtet Zustände, Personalia und Entwicklungen in den verschiedenen Weltmachtbereichen. Früher war das nur für das Militärwesen interessant. Längst sind Politik und Wirtschaft zuzufügen. Und da die Medien sich berechtigt als "vierte Weltmacht" immer wieder voll Stolz eigengewichtig profilierten, erhöhte sich auch der Beachtungsstellenwert dieses Bereiches bei den ND – notabene in aller Welt. Wie wäre wohl eine seriöse Presse tief beleidigt, wenn ein ND sie nicht für voll nähme, ihren Vertretern nicht den gleichen Rang an Einsicht und Erkenntnissen zubilligte wie allen anderen Experten moderner Berufszweige?

2. Besäßen Sie eine Art von "Erkennungsdetektor" und besuchten Sie mit dem Gerät eine Konferenz von ausländischen Kollegen, dann würden Sie – hoffentlich nicht zu Ihrer erstaunten Überraschung – feststellen, daß fast jeder in irgendeinem direkten oder indirekten Kontakt zu seinem nationalen ND steht. Korrespondenten aus dem Ostblockbereich oder anderer autoritär strukturierter Staaten sind selbstverständlich an ihren ND geschaltet. Ohne entsprechende Verpflichtung dürften sie wohl kaum in freieren Gefilden eine Informationsposition besetzen. Nur ganz wenige sind frei von derartigen Kontakten, und (hoffentlich wieder nicht zu Ihrem Erschrecken) Sie müßten konstatieren, daß gerade sie nicht immer zu den Zierden ihres Berufes gehören.

Vielleicht befragen Sie einmal Chefs der Berufsverbände in London, Paris, Rom, Tokio, Jerusalem, Kairo, Washington, Moskau, Pankow und so weiter, ob diese ebenfalls bereit sind, Journalisten eine Verbindung zum ND als Verstoß gegen die Berufsehre anzukreiden. Und dann lassen Sie doch einmal überprüfen, welche berühmten britischen Publizisten und Autoren (um nur ein Beispiel zu nennen) keinen Kontakt zu ihrem ND hatten. Interessant wäre, auch eine Prüfung der Auswahl und gediegenen nachrichtendienstlichen Ausbildung der Korrespondenten aus dem Ostblock.

3. Bestimmt wissen Sie wohl auch, daß in Westdeutschland der Verfassungsschutz einen Stammbefall von etwa 16 000 Ostblockagenten in Rechnung stellt. Selbst der Gutgläubigste darf doch nicht annehmen, daß sie den Medienbereich genauso strikt aussparen, wie es die derzeitigen BND-Oberhirten Wessel und Blötz bei der "Rheinischen Post" proklamierten. In Moskau, Ostberlin, Prag, Warschau pp. wird man also in Zukunft über die Verhältnisse im Medienbereich der Bundesrepublik viel bessere Basiserkenntnisse besitzen als in Pullach, wo man nur noch die verschönten Selbstdarstellungen von Verlegern, Chefredakteuren, Intendanten, Medienmanagern zur Verfügung hat. Das wäre etwa so, als wenn man die Stars eines Films nach dem Waschzettel der Anlockreklame begutachten wollte.

4. Die moderne Welt und ihre Gesellschaft verkehren längst – und darauf bilden wir uns viel ein – über die lokalen und regionalen Begrenzungen miteinander. Ausnahme sind wiederum die im Ostblock eingeschachtelten Menschen, dort obendrein noch streng unterteilt. Dies gilt leider so lange, bis die Russen in Genf den Korb 3 akzeptieren, den sie offenbar als eine Büchse der Pandora einschätzen. Besonders die Medien wirken doch als Schrittmacher für Weltoffenheit bis weit über die gerade gültigen Gemeinde-, Länder- und Staatsgrenzen. Vielfach deutet der Erscheinungsort nur noch vage den nationalen Bezug zum Finanzamt an. Es erscheint also geradezu "kleinkariert", wenn nun ausgerechnet in diesem Komplex erkenntnisdienliche Sprünge über die antiquierte Ressortabschottung als "Verstoß" und "Skandal" beklagt werden. Sie wissen doch, welche Schwierigkeiten selbst innerhalb von Redaktionen entstehen. Da schreibt zum Beispiel ein Mitarbeiter über Solschenizyn. Ob der Chefredakteur nun den Beitrag auf die Seiten der Innen- oder Außenpolitik, unter "Aktuelles" oder Kultur plaziert, im Archiv deponiert oder dem Schwesterblatt zuständigkeitshalber zuschiebt, darauf hat der Autor kaum einen Einfluß. Die Grenzen sind eben fließend. Wie oft wurde bereits unter "Politik" die beste Humorspalte geboten, im "Sport" Politik getrieben, im Kreuzworträtsel Werbung versteckt.