Günther Heysings Brief ist eindrucksvoll und erschreckend zugleich. Er spiegelt rückblickend genau jenen Geist wider, der in manchen Kreisen des Pullacher Nachrichtendienstes herrschte: Erlaubt, ja geboten ist, was der Regierung nützt. Dabei wird die ganze "vierte Gewalt" – Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen – aus der Froschperspektive des Nachrichtendienstes gesehen. Die Journalisten werden zu Verwaltern staatlicher Sicherheit. Ihre Funktion im demokratischen Staat: möglichst wahrheitsgetreu zu berichten, Öffentlichkeit zu erzwingen und damit auch Kontrolle – sie wird auf den schmalen Leisten eines einfältig-verschwörerischen Sicherheitsbedürfnisses geschlagen. Der Staat, für den Heysing als Agent arbeitete, bedürfte der Journalisten nicht mehr. Sie wären überflüssig. Eine PK-Kompanie aus Pullach wäre da besser am Platz.

Es gibt Grenzfälle, wo Journalisten mit den Nachrichtendiensten ihres Landes zusammenarbeiten können – zumal im Ausland. Aber ihre Mitarbeit wird unmöglich, wenn der Geheimdienst eines demokratischen Rechtsstaates von der gelegentlichen Illegalität der Mittel zur totalen Illegalität des Zwecks übergeht. Eben dies hat der Bundesnachrichtendienst unter seinem ersten Präsidenten Reinhard Gehlen getan, als er entgegen dem ausdrücklichen Auftrag, nur Auslandsaufklärung zu betreiben, im eigenen Lande schnüffeln ließ: In der Privatsphäre von Politikern, in Zeitungsverlagen und Redaktionsstuben.

Die Objekte solcher Ausspähung legten es nahe, im publizistischen Gewerbe selber nach Spähern zu suchen; das sieht der ehemalige BND-Agent Günther Heysing ganz richtig: Auch Journalisten sind von Berufs wegen Informationsbeschaffer, wenngleich sie im Normalfall nur aus offenen Quellen schöpfen; in ihren Redaktionen erfahren sie meist auch die Interna; mit Politikern pflegen sie regelmäßig und nicht selten vertraulichen Umgang. Was sollte sie hindern, ihr Berufswissen gelegentlich in geheime Staatsdienste zu stellen – es sei denn der Sinn für professionelle Würde?

Manchen fehlt solches Ethos; manche hat es nicht gehindert, Schnüffeldienste als bezahlte Hintertreppenterrier zu leisten. Eine Reihe von Journalisten hat jahrelang für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet, ganz überwiegend auf dem Gebiet der illegalen Inlandsaufklärung. Sie bezogen dafür Monatshonorare zwischen 1500 und 15 000 Mark – steuerfrei. Einige, wahrscheinlich die bestbesoldeten unter ihnen, waren bloße "Einflußagenten": Sie wurden allein dafür bezahlt, daß sie in ihren Zeitungen Gutwetter für den BND machten oder Öl auf die Wogen gossen, wenn es in Pullach stürmte: So im Jahre 1961 nach der späten Enttarnung des KGB-Agenten Felfe, der das Innerste des Dienstes ausspioniert und den Gehlen-Apparat damit auf lange Zeit gelähmt hatte.

Andere, so wird von Kennern glaubwürdig versichert, nutzten den Doppeljob auf originelle Weise: Sie erfanden "Nachrichten" – meist mit bestimmter politischer Zielsetzung und schwer verifizierbarem Gehalt – und berichteten das Erfundene nach Pullach. Einige Zeit später erschien dann eine von den Erfindern lancierte Zeitungsmeldung in ihren Hausblättern: "Wie aus gut unterrichteten Kreisen im BND verlautet..." So wurde die erfundene Nachricht glaubhaft, so erhielt die politische üble Nachrede den Anschein der Beweiskraft. Denn der Dienst konnte auf Nachfrage die Richtigkeit weder bestätigen noch dementieren.

Die einzige bislang im Detail bekannt gewordene und dokumentarisch belegte Geschichte journalistischer . Geheimdienstmitarbeit ist die des BND-Inlandsagenten Nr. 12619 Günther Heysing alias "Hecht". Sie wirkt absonderlich. Dennoch darf sie bis zu einem gewissen Grade als repräsentativ für den Geist von Pullach gelten, wie er unter Gehlen war – als Gewebsschnitt gleichsam durch ein Stück geheimer deutscher Verfassungswirklichkeit der sechziger Jahre. Denn der Inlandsspion Nr. 12619 agierte und intrigierte nicht für sich selber und auf eigene Rechnung. Er lieferte gerngesehene, wiederholt belobigte Bestellungen, wie er heute anklagend schreibt: "Auftragsgetreu erarbeitete und streng vertraulich zu behandelnde Reports."

Die Pullacher Auftraggeber schätzten sich offenbar glücklich, mit dem Herausgeber des Kameraden-Blättchens "Wildente" für ehemalige Angehörige der Wehrmachts-Propagandakompanien einen Mann gefunden zu haben, der sich für ein Chamäleon mit patriotischer Motivation hielt. Das Vaterländische im Agenten Heysing zieht sich wie ein brauner Faden durch seine mehr als tausend Berichte und Kolportagen, die er im Zeitraum von über zehn Jahren vorwiegend aus Hamburg an die Isar geschickt hat.