ARD, Sonntag, 14. Dezember: "Härte 10" von Peter Berneis und Karl Heinz Willschrei

Alle reden von der Fernsehkrise – der WDR offenbar nicht. Mit dem tollkühnen Mut eines Hasardeurs, der sein Vermögen längst durchgebracht hat, aber aus alter Gewohnheit immer noch den feinen Mann markiert, machte der Kölner Sender 2,7 Millionen Mark locker, um sich an einem ebenso aufwendigen wie dubiosen Unternehmen zu beteiligen. Zusammen mit dem französischen und dem italienischen Fernsehen, die je 900 000 Mark beisteuerten, leistet sich der WDR zur Zeit ein luxuriöses fünfteiliges Superding von internationalem Zuschnitt und geradezu kosmischer Einfalt.

So also stellt man sich in Köln den großen internationalen Abenteuerfilm vor: Man nehme einen schottischen Regisseur, der auch schon mal etwas mit Emma Peel zu tun hatte (Gordon Flemyng); man nehme eine französische Heroine, damit die ORTF sich angemessen beteiligt fühlt (warum aber ausgerechnet die enervierend untalentierte Olga Georges-Picot?); man nehme ausgesuchte deutsche Schurkendarsteller, denen man schon auf zwei Kilometer Entfernung ansieht, daß sie Arges im Schilde führen – Wolfgang Kieling, den Nobel-Buhmann vom Dienst, und Art Brauss, der sich mit schönem Erfolg als Kinski-Kopie betätigt; man nehme ein Drehbuch mit halsbrecherisch undurchsichtigen Intrigen, vielen exotischen Schauplätzen und feinsinnigen Dialogen ("Du kleines Dreckstück. Du wirst nie von mir loskommen"); man drehe das Ganze in englischer Sprache, damit es vielleicht auch die Amerikaner kaufen, und synchronisiere es sodann im authentischen Waschküchen-Sound deutscher Tonstudios: hohle Stimmen aus dem Jenseits.

Wenn die erste Folge der Diamanten-Saga "Härte 10" auch nur annähernd repräsentativ für den Standard der Serie ist, gebührt dem Werk des Produzenten Karl Heinz Willschrei mein Spezialpreis für das größte Fernsehärgernis des Jahres. Denn ganz so dilettantisch und gedankenlos sollte man das Geld, von dem einer wie Fassbinder zehn Filme hätte machen können, denn doch nicht verschleudern. Ohne Pfiff, ohne jene beiläufige Selbstironie, die derartige Unternehmungen im Kino gelegentlich zu einem stimulierenden Vergnügen befördert, kommt "Härte 10" so teutonisch bieder daher wie ein Groschenheft aus den fünfziger Jahren. Das poltert und knarrt und bramarbasiert – und im zweiten Teil gar sieht sich’s an wie eine verschämte Courths-Mahler-Paraphrase, komplett mit irrem Gärtner, intriganter Haushälterin, Mondschein im Park und drei Münzen im Brunnen.

Keine Spur vom konsequent synthetischen Charme der Gattung, keine Spur vom raffiniert subtilen Spiel mit ihren ehrwürdigen Versatzstücken, das ein Regisseur wie Philippe de Broca wohl hätte veranstalten können, nicht aber ein so lustloser Routinier wie Flemyng. Der ganze absurde Aufwand wird nirgends gerechtfertigt durch inszenatorische Intelligenz, durch Lust am Spiel, durch Distanz zur Geschichte.

Nicht einmal die Grundregeln des Action-Krimis beherrschen Willschrei und Flemyng. Eine Verfolgungsjagd durch den Hafen von Antwerpen belegt geradezu exemplarisch, wie man es nicht machen sollte: Die Aktion ist völlig unzureichend motiviert, Verfolger und Verfolgte müssen sich benehmen wie Idioten, damit endlich die Stuntmen ihr Handwerk zeigen können. Aber das hektische Gehopse zwischen fahrenden Zügen läßt den Betrachter völlig kalt, weil es sich nicht folgerichtig aus dem Ablauf entwickelt, sondern als aufgesetzter Schnörkel, als zusammenhanglose Attraktion erscheint. Jede amerikanische Durchschnittsserie ist da professioneller gemacht.

Angesichts dieser Millionen-Pleite erscheinen die Spar-Appelle, zumal vom Kölner Sender, als blanker Zynismus. Gespart werden muß offenbar nur, damit der teure Dreck finanziert werden kann. Junge deutsche Filmemacher, die für den WDR lange Spielfilme machen, erhalten zum Teil das lächerliche Budget von 80 000 Mark. Aber vielleicht werden diese Experimente bald ganz gestrichen. Es muß ja gespart werden.

Hans C. Blumenberg