ZEIT: Herr Minister Gscheidle, Sie geben für ’ langfristige Investitionen mehr Geld aus als irgendein anderer Minister. Haben Sie eigentlich eine Vorstellung davon, wie der öffentliche Nahverkehr, der nach der Regierungserklärung von Bundeskanzler Brandt "Vorrang" haben sollte, in fünfzehn oder zwanzig Jahren aussehen wird?

Gscheidle: Im Augenblick sind wir dabei, herauszufinden, welche Systeme wieviel kosten werden und welcher Teil dieser Kosten über die Preise wieder hereinkommen kann. Wir gehen nicht davon aus, daß sich moderne Nahverkehrssysteme rentabel gestalten lassen. Wenn aber nur noch dreißig Prozent der Kosten gedeckt werden, kann der Staat die daraus entstehenden Finanzierungslasten langfristig nicht tragen.

ZEIT: Man weiß aber doch seit vielen Jahren, daß der Kostendeckungsgrad der meisten öffentlichen Nahverkehrsunternehmen, vor allem auch der Bundesbahn, sehr niedrig ist und weiter absinkt. Und von Jahr zu Jahr hat man immer höhere Milliardenbeträge dafür aufgebracht. Ist es nach alledem nicht blamabel zu sagen, man habe vom Zustand des Nahverkehrs in einem oder zwei Jahrzehnten keine genaue Vorstellung?

Gscheidle: Dieser Vorwurf sollte niemanden daran hindern, neue Überlegungen anzustellen. Ich glaube auch nicht, daß er denen gegenüber, die die früheren Entscheidungen zu verantworten haben, berechtigt ist. Es ist ein Riesenunterschied, ob ein Minister seine langfristigen Planungen an Wachstumsraten der Staatseinnahmen orientiert, die im Durchschnitt bei acht bis zwölf Prozent liegen, oder ob er nur noch mit 1,5 bis drei Prozent rechnen darf. Die Wende, die hier eingetreten ist, zwingt uns alle, mit neuen Problemen fertig zu werden. Ich bin davon überzeugt, daß uns alle unsere Erfahrungen der staatlichen Wirtschaftsführung aus der Vergangenheit nur noch wenig nützen für die Lösung der Probleme, die uns in der Zukunft beschäftigen werden.

ZEIT: Ihre unternehmenspolitischen "Zielvorgaben", die Sie der Bundesbahn jetzt gestellt haben, sind offenbar aus dieser Finanznot entstanden. Sie fordern darin eine Einschränkung des öffentlichen Nahverkehrs, soweit er von der Bundesbahn betrieben wird. Es bleibt die Frage, ob der Staat diese Forderung angesichts der gewaltigen Investitionen, die in diesem Bereich gemacht worden sind und bei dem riesenhaften Kapital, das sich hier in den vergangenen Jahren angesammelt hat, überhaupt noch verantworten kann.

Gscheidle: Der Bund kann es sich natürlich nicht leisten, im Nahverkehr Investitionsruinen oder Systemruinen zu produzieren. Dort, wo die Bundesbahn im Einverständnis mit dem Verkehrsministerium investiert hat, müssen wir dieses System komplettieren und die daraus entstehenden Folgekosten tragen. Aber wir können uns nicht endlos neue Lasten aufladen. Wir müssen also nach Modellen suchen, die wir finanzieren können.

ZEIT: Wie weit ist diese Suche schon gediehen? Gscheidle: Wir prüfen, ob man den Schienenverkehr der Bundesbahn in einen Verbund integrieren kann, dem alle anderen in dieser Region für die Beförderung von Personen vorhandenen Unternehmen angeschlossen sind.