Von Joachim Nawrocki

Wenn die Deutschen in West und Ost sonst nichts mehr gemein hätten – die Fragebogen blieben ihnen. Und so fiel dann Erich Honecker, als er vor dem SED-Zentralkomitee über die Lage der Nation berichtete, ein naheliegendes Beispiel ein: Beim Ausfüllen von Fragebogen heiße es in seinem Staat "schlicht und klar und ohne jede Zweideutigkeiten: Staatsbürgerschaft – DDR, Nationalität – deutsch". Da gäbe es denn doch noch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden deutschen Staaten. "Nationalität – deutsch", das gilt ja auch für die Einwohner der Bundesrepublik und West-Berlins, nicht aber für Österreicher und Schweizer.

Honeckers Erklärung überrascht; erst vor knapp drei Monaten hatte der SED-Chef vor der Volkskammer ausführlich begründet, warum alle Hinweise auf die deutsche Nation aus der DDR-Verfassung getilgt werden müßten. Die alte Verfassung, in der von der Verantwortung für die ganze deutsche Nation die Rede war, werde – so Honecker – der Wirklichkeit nicht mehr gerecht. Aber die Wirklichkeit war dann doch stärker als der Wille der SED. In vielen Diskussionsveranstaltungen war die Partei immer wieder gefragt worden, ob denn DDR-Bürger eigentlich noch Deutsche seien. Die SED sah sich zur Präzisierung genötigt.

Schon vor einem Monat wies daher der Star-Kommentator Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen empört den Vorwurf zurück, die SED verleugne die Zugehörigkeit zur deutschen Nation: Gewiß, es gebe in der Bundesrepublik eine bürgerliche Nation, während sich in der DDR die sozialistische Nation entwickle. Aber: "Daraus nun ableiten zu wollen, daß wir keine Deutschen mehr seien, das ist schlicht Verleumdung. Wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein. Alle guten Traditionen der deutschen Geschichte sind bei uns zu Hause."

Im gleichen Sinne äußerte sich nun Honecker. Es gebe kein "nebelhaftes Dach" über beiden deutschen Staaten; die sozialistische Nation in der DDR unterscheide sich in allen entscheidenden Merkmalen von der bürgerlichen Nation der Bundesrepublik. Indes: "Als Deutsche haben wir Anteil an der deutschen Geschichte, wie wir als Europäer Anteil an der europäischen Geschichte haben."

Also zwei verschiedene Nationen in Deutschland, hier bürgerlich, dort sozialistisch – und dennoch eine gemeinsame Nationalität? Die Begriffe gehen hier etwas durcheinander, aber in aller ihrer logischen Krausheit sind sie ideologisch schlüssig. Seit über zehn Jahren wird in der DDR ja zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen deutschen Nation unterschieden. Die sozialistische Nation wird als eine historische Weiterentwicklung der bürgerlichen Nation dargestellt. Dabei wird der sozialistischen die höhere, der bürgerlichen eine niedrigere Qualität zugewiesen. Die Herausbildung der sozialistischen Nation, erklärte Honecker jetzt, sei nicht die Frage eines "Federstrichs", sondern die "Ingangsetzung eines revolutionären Aktes": "Im übrigen sind wir nach wie vor der Ansicht, daß beim Fortschreiten des Weltprozesses der Sozialismus auch um die Bundesrepublik Deutschland keinen Bogen machen wird. Dies ist jedoch eine Sache der Zukunft."

Die Nation der DDR ist nach dieser Theorie also nur weiter fortgeschritten als die der Bundesrepublik, deutsch aber sind sie beide. Genaugenommen müßten also die einen Deutschen in ihre Fragebogen hinter das Stichwort "Nationalität" schreiben: "deutsch (soz.)", die anderen: "deutsch (bürgerl.)". Die Kommunisten sehen sich zu erstaunlichen Haarspaltereien genötigt, wenn sie einerseits die Abgrenzung predigen, andererseits aber den Einfluß auf die Entwicklung im westlichen Teil Deutschlands nicht aufgeben wollen.

Bisher hat die SED vor allem die eine Seite ihrer Nationen-Theorie betont: die Abgrenzung, das Trennende, die Unterschiede der Gesellschaftssysteme. Nun hielt es Honecker für opportun, auch die andere Seite hervorzukehren: die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Nationalität. Für die politische Praxis im Verhältnis zwischen Bonn und Ost-Berlin gibt das nichts her. Über die Stimmung in der DDR sagt es einiges aus. Der Abschied von der gemeinsamen Nation fällt den DDR-Bürgern schwerer, als es sich die SED-Führung gedacht haben mag. Mit einem Federstrich ist es nicht getan, das hat Honecker nun erkannt. Für die nationale Identität der DDR reicht der Kommunismus allein nicht aus.