ZDF, 13. Dezember: "Am Morgen meines Todes", Fernsehspiel von Günter Seuren

Der kleine Mann ist krank. Der große Mann leidet an Hypochondrie. Der kleine Mann hat Krebs. Der große Mann hat Angst davor. Der kleine Mann stirbt. Der große Mann denke an den Tod. Der kleine Mann kompensiert: Ständig fuchtelt er mit seiner Flinte herum. (Aber er schießt nicht.) Der große Mann kompensiert gleichfalls: spielt, Politiker, der er ist, Superman und Erfolgsmensch. (Aber er versagt im Ehebett.) Der kleine Mann möchte seiner Frau beweisen, welch ein Kerl in ihm steckt – der Frau, die er haßt und beneidet, weil sie weiterleben darf und sich im Freundeskreis noch manchen schönen Abend machen kann. Aber es bleibt bei der Drohung. Der kleine Mann hat nur eine einzige Waffe – und die richtet sich gegen ihn selbst: seine Krankheit. Auch der große Mann möchte seiner Frau imponieren – darum erfindet er die Krankheit. (An die er glaubt.) Aber die Waffe ist harmlos. Superman hat zu viel Harnsäure. Von Krebs keine Rede.

Großer Mann, kleiner Mann. Man begegnet einander: Als der Politiker, auf Stimmenfang, durchs Krankenhaus zieht und sich bei dem Krebskranken nach dessen Ergehen erkundigt, erhält er keine Antwort. Statt zu reden, schüttet der kleine Mann dem großen Mann einen Teller Suppe ins Gesicht. Aber der große Mann nimmt das nicht übel – im Gegenteil, die Geste fasziniert ihn sogar. Er beginnt sich mit dem kleinen Mann zu identifizieren: Hat nicht auch er Krebs? Wird sterben? Wieviel verbindet ihn mit diesem Mann: häusliche Demütigung, Potenzprotzerei zum Ausgleich für mangelnde Virilität, Todesangst und Gedankenblässe!

Wie belanglos wird das Leben, wenn man es von der letzten Station aus betrachtet! Alles aus zweiter Hand – einerlei, ob man nun, wie der Kleine, noch auf dem Totenbett der Fernsehübertragung eines Bundesligaspiels zuschaut oder, wie der Große, dem Diktat der Rolle folgt: immer erfolgreich, immer dynamisch, immer kontaktfreudig, immer im Lot!

Großer Mann, kleiner Mann. Für ein paar Stunden steht die Schachpartie remis. Der Kleine, in dessen Leben bis dahin nichts klappte, ist nach der Suppenattacke plötzlich ein Held, keine Null mehr, sondern eine von der Lokalpresse erwähnte Person. Der große Mann, angeblich krebskrank, hat seinem Partner nichts mehr voraus. Aber die Stunden, in denen die durch den Tumor scheinbar Vereinten Wein trinken, gehen schnell vorbei. Am Ende ist alles wieder in Ordnung. Der kleine Mann stirbt (Blumenstrauß, Schnabeltasse und Fußballerstatuette erinnern an den toten Rechtsaußen einer Kreisklassenmannschaft); der große Mann freut sich, an der Seite der Gattin, des Lebens und winkt bei der Stimmabgabe mit seinem Superman-Lächeln in die Linsen hinein.

Großer Mann, kleiner Mann. Ein streng gebautes, auf Parallelismen und Antithesen hin zugespitztes Stück. Gut geschrieben, gut Photographiert, gut geleitet. Günter Seuren hat sein Thema – den vor sieben Jahren schon in "Lebeck" behandelten Kampf zwischen dem dicken und dem dünnen Mann, dem großen und dem kleinen Fisch, an dessen Schluß der große triumphiert – mit viel Kunstverstand variiert. (Den Großen spielte, vorzüglich, Werner Kreindl, den Kleinen Heinz Meier: ein Darsteller, der im Fernsehen zu sehr festgelegt wird. Der Mann, ich bin dessen sicher, wäre ein Shakespeare-Protagonist von Rang!)

Einziger, freilich gewichtiger Einwand: Das Stück ist eine Viertelstunde zu lang. Es gibt eine Reihe von Szenen, die nichts zum Problem und nichts zur Erhellung der ungleichen Partner beitragen: die Auftritte der Politikermutter zum Beispiel, die offenbar die Funktion hatten, Zeitmaterial, verfremdet durch eine dem Ecce homo von George Grosz entstammende Knallcharge, auf den Bildschirm zu bringen. Hier wurde die Parabel zur Travestie; hier war, was Strukturelement sein müßte, nur Zitat und Versatzstück; hier führte der Autor die Technik des Parallelisierens und Inbeziehungsetzens ad absurdum: Ein dritter auf Kompensation bedachter Impotenter – der Politikervater, der den Schlappschwanz mit dem Ritterkreuz verdeckt: Stille im Bett und an der Front "Sprung auf, marsch, marsch!" – nein, das ist wirklich des Guten zuviel. Wenn Seuren und Regisseur Döpke schon, auf der Seite des Großen, die Nazi-Norne bemühten, dann hätten sie auch, auf der Seite des Kleinen, den erfolgreichen Sohn zeigen müssen. Weit besser aber wäre es gewesen, nur vier Personen und einige Chargen auftreten zu lassen, kleiner Mann, kleine Frau, großer Mann, große Frau, und diese vier in einem Bezugssystem zu vereinen – alle vier, wohlgemerkt, also auch die große Frau, die bei Seuren nur mangelhaft integriert ist... und dies, obwohl sich ein Gespräch zwischen ihr und ihrer Partnerin geradezu anbietet.

Die Mutter eliminiert, der Gattin, auf Seiten des Reichen, mehr Profil gegeben: Das wäre dramaturgisch konsequent. Ein Jammer wahrlich, daß man Fernsehspiele, anders als Theaterstücke, nie verbessern kann: daß es keine zweiten Fassungen gibt! (Gäbe es sie – ich bin sicher, es schrieben mehr Dramatiker von Rang für dieses Medium.) Momos