Hat uns das gerade noch gefehlt? Es muß wohl. Wie sonst wäre jemand darauf verfallen, dem Schrecken eine eigene Zeitschrift zu verschreiben, ein "Magazin für exklusive Alpträume"? Es heißt "Shock"und tauchte soeben zum "Schockpreis" von 4,80 Mark (pro Exemplar, nicht etwa für ein ganzes Schock) an den Kiosken auf.

Was soll in einer Welt voll realem Schrecken ein Horror-Magazin? Wer so fragt, könnte genausogut die Frage stellen: Was soll die Pornographie in einer Welt, in der die Leute doch sowieso miteinander schlafen? Die Papierlust ist eben etwas anderes als ihr körperliches Urbild. Helfen IRA-Bombenattentate, Palästinenser-Selbstmordkommandos und Hungersnöte dem Zeitungsleser bei der Aggressionsabfuhr? Eben nicht; eher im Gegenteil. Pornographie und Horror werden produziert, weil die Menschen bestimmte Bedürfnisse haben, die sie in der Realität entweder überhaupt nicht oder nicht so, wie manche es sich wünschen, befriedigen können. Die Wellershoffschen Theorien über den Simulationsraum Literatur passen hierfür viel besser als auf seine eigenen Hervorbringungen – es sei denn, er schriebe nebenher unter einem Pseudonym Pornos. "Shock" ist also nur von seinem Selbstverständnis her zu beurteilen, das heißt, daran zu messen, ob und wie es die speziellen Bedürfnisse seiner Leser erfüllt – billig, effektiv und ohne Schaden für die Gesellschaft.

Thrill! Schwarzer Humor! Okkult! Horror! Crime! schreit es rot vom Titelblatt. Man hat wirklich an alles gedacht. Und es ist schon was dran. Im Okkulten eher als im Impressum sitzen zum Beispiel die Leute, die das Geld gegeben haben. Wird es sich rentieren?

Ich stelle mir vor, daß ein ausgepichter Sadist (der hier keinesfalls gleichgesetzt wird mit dem "Shock"-Normal-Leser) sich besonders an den seelischen Qualen seines Opfers weidet, weiß er doch, daß sie die schlimmsten sind. Unser Sadist müßte am ersten Beitrag ("Der Heckenschütze") und am darauf folgenden "Horrorscope" Riesenspaß haben. Denn da kann er genießen, wie sich die "Shock"-Macher unter den Qualen winden, die ihnen ihr Gewissen schafft. In der Manier eines sittlich entrüsteten wie stilistisch enthemmten Oberstudienrats schildert das Redaktionsmitglied Greiwe die schreckliche Welt des "Exorzisten" und der amerikanischen Sensations-Sexdarstellerin Linda Lovelace. Tenor des Ganzen: In einer so bösen Welt ist doch eigentlich unser niedliches kleines Shockerchen gar nicht so schlimm. Der auf Horror scharfe Leser wird baß erstaunt sein, zunächst einmal die Horrortechniken der anderen angeprangert zu sehen. Thrill, Horror und Crime kitzeln ja, wie man weiß, nicht nur die Magennerven, und der Leser erwartet einiges, aber daß sich von allen möglichen Körperteilen ausgerechnet der Zeigefinger erhebt, wird ihn doch verwundern. In die gleiche Kerbe haut die Kurznachricht "Mit der Bombe leben", wo gemeldet wird, daß ein australischer Wissenschaftler für die Entwicklung atomarer und biologischer Waffen plädiert, um im Dritten Weltkrieg Australien gegen hereinströmende Flüchtlinge zu verteidigen. Was soll da der anklagende Unterton? Macht Horror denn nicht Spaß?

"Duell", der sich über viele Meilen hinziehende Kampf eines Lastwagenfahrers gegen einen anderen, der ihn offensichtlich killen möchte, ist eine sehr schöne Geschichte, die dann aber – o Horror! – ein Happy-End hat. Theorie gibt es auch: Der Krimi-Schreiber Chase wird beschrieben, und Gemeinschaftsmörder (die Manson-Familie) werden mit dem amerikanischen Holzhammer auf ihre Psyche abgeklopft. Bei schwarzhumorigen Karikaturen (zumal wenn Tomi Ungerer seinen Sezierstift ansetzt) kann nichts schiefgehen, die Texte werden keine Lachstürme erzeugen. Und es gibt eine hübsch verzinkte Philosophie-Satire von Woody Allen. Die Horror-Fiction dürfte den besten Anteil des Heftes ausmachen. Die Storys kommen aus Amerika und bewegen sich alle auf dem exzellent ausgeklügelten "Playboy"-Level.

Aber auch die raffinierter konstruierten Geschichten winken immer noch mit recht handfesten Zaunpfählen, also mit grober physischer Gewalt oder ihrer Androhung. Man vermißt den subtileren Schrecken. Aber dessen Freunde gehören wohl nicht mehr zur Zielgruppe, man hält sie offenbar für shockproof. Wer auszog und das Fürchten schon gelernt hat, wird diese Marktneuheit also entbehren können. Karl Hoche