Die Sorge um die schwindenden Finanzmittel hing wie ein Damoklesschwert über der Wintertagung der Nato in Brüssel. Kaum war sie zu Ende, senkte das britische Unterhaus am Montag die Verteidigungsausgaben von 5,5 auf 4,5 Prozent des Bruttosozialproduktes. Die Regierung Wilson brachte ihre Vorlage, mit der sie in den nächsten zehn Jahren 4,7 Milliarden Pfund Sterling einsparen will, mit 316 : 256 Stimmen durch.

London beabsichtigt, seine militärische Präsenz östlich von Suez (Hongkong, Singapur, Malaysia, Mauritius), in Südafrika (Simonstown) und im Mittelmeer (Zypern, Malta) zu reduzieren. Verteidigungsminister Mason versicherte, durch die Einsparungen könne Großbritannien Verteidigungsschwerpunkte setzen – vor allem in Mitteleuropa, wo die Nato-Streitkräfte mit einer Übermacht der Streitkräfte des Warschauer Paktes konfrontiert sind.

Das konventionelle Übergewicht des Ostblocks hatte die ganze Nato-Tagung beherrscht und immer wieder zu Warnungen vor einem Nachlassen der eigenen militärischen Anstrengungen veranlaßt. Diese würde "geradezu eine Gefahr für die realistische Entspannungspolitik darstellen", mahnte Bundesaußenminister Genscher angesichts der fehlenden Fortschritte bei den Truppenabbaugesprächen in Wien.

Der amerikanische Verteidigungsminister Schlesinger versicherte, daß die vorgeschobenen Verteidigungssysteme der Vereinigten Staaten nicht in das Abkommen von Wladiwostok einbezogen seien. Er versprach, die atomare Kraft Amerikas in Europa substantiell nicht zu verändern, ohne vorher mit den Verbündeten eingehend darüber beraten zu haben.

Auf wenig Resonanz stieß Schlesinger allerdings mit seiner Forderung, die Militärausgaben in der Allianz müßten um mindestens drei Prozent erhöht werden. Dieses Ansinnen kollidierte mit einem Geheimbericht des Nato-Generalsekretärs Luns, wonach die Nato-Länder bis 1980 ein Zahlungsbilanzdefizit von 300 Milliarden Dollar und Ende dieses Winters elf Millionen Arbeitslose aufweisen würden. Noch auf keiner Ratstagung hatten Wirtschafts- und Energieprobleme so breiten Raum eingenommen wie dieses Mal.