Von Rudolf Walter Leonhard

Wenn ich in Paris bin, gehe ich in die Pariser Oper, die ja wieder interessant geworden ist, seit der Direktor dort Rolf Liebermann heißt. Und manchmal ergibt sich die Gelegenheit, ein paar Worte mit Liebermann zu wechseln.

Es drängt sich, gegenüber so einem Erz-Prinzipal, da als erstes die Frage auf: "Glauben Sie, daß eine Oper oder ein anderes großes Theater auch kollektiv, etwa von einem Direktorium, geleitet werden könnte?"

Ich gebe Rolf Liebermanns Antworten in direkter Rede; sie sind jedoch sinngemäß eher als wortgetreu aufgezeichnet. Es lief kein Tonband, und kein Stenograph war anwesend.

Hier Rolf Liebermanns erste Antwort: Kollektiv-Intendanzen halte ich für nicht praktizierbar. Ich sehe sie auch nirgendwo. Wo funktioniert so etwas denn? Sagen Sie nicht "in Berlin". Wenn Peter Stein kein Prinzipal ist, dann hat das Wort seinen Sinn verloren.

Es ist doch überall das gleiche: Ein patron muß da sein, an den sich der Bühnenarbeiter mit seinen Sorgen ebenso wenden kann wie der Regisseur oder die berühmte Sängerin. Jemand, der bei plötzlichen Schwierigkeiten, wie sie in jedem großen Haus dauernd auftauchen, auch unorthodoxe Lösungen durchsetzen kann, weil er bereit und kompetent ist, sie zu verantworten.

Frage: "Und wenn der Prinzipal nicht da ist?"