Von Jakob Vollmar

Skirekorde finden nicht immer nur in Österreich statt. Die schnellste Skischule der Welt jedenfalls verbreitet ihr segensreiches Wirken in einem deutschen Mittelgebirge. Und von ihrem Leiter, Martin Puchtier, sprechen Austrias Skiprofessoren mit Hochachtung. Ja, die Skischulen der Alpenländer haben Puchtiers Lehrmethode der schrittweise ansteigenden Skilängen sogar übernommen oder vielfach kopiert.

Martin Puchtiers Schnelligkeitsrekord besteht darin, daß er innerhalb von sechs Tagen Urlaubern das geländesichere Skifahren beibringt. Selbst hoffnungslose Fälle haben bei ihm eine Chance. Allerdings geht es Puchtler und seinen 130 Skilehrern, die in der Skischule Nordbayern zusammenarbeiten, nicht so sehr um sportlichelegante Körperhaltung, saubere Hüftknicks oder lückenlos parallel schwingende Ski. Puchtlers Schüler sollen sicherem den Skiern stehen, sie lernen, Hänge abwärts stemmend zu bewältigen, und wie man bei Bodenwellen die obligatorische Badewanne im Schnee vermeidet. Der Erfolg des Skikurses stellt sich bereits nach einer einzigen Urlaubswoche ein. Das verschafft dem Skischulgast im Fichtelgebirge gewiß mehr Befriedigung, als wenn er nach zwei Wochen Alpen-Urlaub mit eifrigem Oben noch immer nicht über die Anfangsgründe der Skitechnik hinausgelangt ist.

Der normale Skiunterricht in den Alpenländern beginnt damit, daß am Montagfrüh alle Neuen eine Art Spießrutenlauf hinter sich bringen müssen: an den Skilehrern und den schadenfrohen Mitschülern vorbei. Nur den totalen Anfängern bleibt diese Prozedur erspart. Alle anderen müssen – oft nach einjähriger Pause – den Pistenpädagogen erst einmal zeigen, was sie können. Je nach Ergebnis werden sie einem Kurs ihrer Leistungsklasse zugeteilt. Spätere Rückversetzungen sind nicht ausgeschlossen.

In Bischofsgrün und in den sieben anderen Fichtelgebirgsdörfern, in denen die Skischule Nordbayern unterrichtet, kümmern sich die Skilehrer zunächst einmal um jeden einzelnen Gast. Sie begleiten ihn durch mehrere Stationen im Gelände, um zu erkennen, wie körperlich fit und geschickt der Schüler ist, wie er sich anstellt und was er vielleicht schon von früher her beherrscht. Diese Methode, die im Winter 1973/74 erstmals praktiziert wurde, nennt man im Fichtelgebirge Diagnoseverfahren. Niemand muß dabei befürchten, sich vor Zuschauern zu blamieren, der begleitende Skilehrer prüft nicht, sondern leistet individuelle Hilfe.

Erst dann finden sich die Neulinge in Kursgruppen zusammen. Die ganz kurzen Stummel-Ski des ersten Tages können nun bereits gegen etwas längere Bretter umgetauscht werden.

Fünfzig oder sechzig Skibabys am Morgen vor Kursbeginn neue Ski anzupassen, ist im Bischofsgrüner Skizentrum kein organisatorisches Problem. 1400 Paar Leihski stehen reihum an den Wänden aufgereiht. Vor zehn Uhr herrscht freilich im Anpaßraum ein Gedränge wie beim Winterschlußverkauf. Doch besitzen die Skilehrer im Zuteilen der richtigen Ski eine derartige Fertigkeit, daß niemand lange warten muß. Für Kinder hat Martin Puchtler eine Bambino-Lehrmethode entwickelt. Auch sie stützt sich auf das System der im Kursverlauf wachsenden Skilängen, benutzt aber vor allem spielerische Elemente beim Oben mit den Drei- bis Sechsjährigen. In der Schneelandschaft locken buntfarbene Stofftiere