Von Heidi Dürr

Im Herbst vergangenen Jahres wurde die Londoner Firma Christie, der Welt zweitgrößtes Kunst-Auktionshaus, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Der Zeitpunkt war günstig: Das 1766 gegründete Unternehmen hatte die erfolgreichste Saison seiner langen Geschichte hinter sich. Die Umsätze waren um 74 Prozent (von 19,7 auf 33,8 Millionen Pfund) gestiegen, der Gewinn auf knapp 1,2 Millionen Pfund. Entsprechend fiel der Emissionskurs aus. Die Aktien, insgesamt ein Drittel des Gesellschaftskapitals, wurden zum Preis von 14,5 Millionen Pfund, dem fast Siebenfachen des Nennwertes, verkauft. In Zukunft, so mag sich damals mancher Käufer gedacht haben, kann man nicht nur mit Kunst, sondern auch mit Kunst-Aktien viel Geld verdienen.

Dieser Gedanke freilich erwies sich schon bald als Fehlspekulation. Denn nach anfänglichem Kursgewinn von 17 Pence (Ausgabekurs: 70) pro Aktie sank der Wert des Christie-Papiers rapide. Im Oktober betrug er nur noch 37 Pence. Der Grund: Der Umsatz war im ersten Halbjahr 1974 nur um zwölf Prozent gestiegen, der Gewinn sogar um 28 Prozent gesunken.

Mehr als alle wirtschaftspolitischen oder kunstsoziologischen Analysen machen solche nüchternen Zahlen deutlich, daß der Kunstmarkt, das jahrelang verwöhnte und bestaunte Lieblingskind der Spekulanten, seine Favoritenstellung eingebüßt hat. Die Verehrer von einst üben mehr Zurückhaltung, nicht selten sogar Abstinenz.

Für Auktionshäuser wie Christie heißt das: Rekordpreise werden nur noch ganz selten erzielt; die Preise bleiben – obzwar im allgemeinen inflationären Trend – stabil, liegen zum Teil sogar unter vergleichbaren Ergebnissen früherer Jahre; die Quote der Rückgänge (für deren Rückkauf die Einlieferer meist wesentlich – weniger als das normale Aufgeld bezahlen müs-

sen) steigt. Galeristen und Antiquitätenhändler müssen trotz steigender Betriebs-, Lager- und Kreditkosten ihre Kalkulationen genauer überlegen; sie können nicht mehr die Glücksritter eines freien, ständig expansiven Marktes spielen.

Die neue Situation, die eher als gebremste Konjunktur denn als Baisse zu bezeichnen ist, begann sich bereits im Herbst vergangenen Jahres abzuzeichnen. Seit das Geld knapp, Kredite teuer und die Haben-Zinsen attraktiv geworden sind, spürt der Kunsthandel erstmals den negativen Einfluß der allgemeinen Wirtschaftslage.