Während nämlich in den vergangenen fünfzehn Jahren inflationäre und wirtschaftlich unsichere Perioden die Nachfrage im Kunsthandel noch mehr beflügelten, ja erst zur Hochkonjunktur führten, ist es nun umgekehrt: Liquide Mittel werden, wenn sie nicht für existenzsichernde Ausgaben gebraucht werden, heute lieber auf die Bank getragen als in Kunst und altes Kunstgewerbe investiert. Flucht in die Zinsen heißt im Zweifel die Devise, nicht mehr Flucht in die künstlerischen Sachwerte.

Wer im Kauf von Kunstwerken und Antiquitäten nicht mehr sieht als eine vergleichsweise sichere, prestigemehrende Kapitalanlage, tut gut daran, dieser Devise zu folgen. Denn ein garantierter Gewinn von zehn Prozent pro Jahr läßt sich nur bei den wenigsten Objekten des Kunsthandels realisieren. Dafür ist die Preisentwicklung zu sehr abhängig von Zufälligkeiten des internationalen Marktes, vom Wandel des Geschmacks, von plötzlich auftretenden – und abflauenden – Sammel-Moden.

Besonders zweifelhaft ist die Spekulation auf kurzfristigen Gewinn. Die großen englischen Auktionshäuser weisen mit Recht darauf hin, daß selbst hochwertige Kunstwerke, die nach wenigen Jahren wieder auf dem Markt auftauchen, leicht als "Wandervögel" denunziert werden und dadurch an Wert verlieren. Das Gemälde "Blanche Hoschede Peignant" von Claude Monet beispielsweise mußte im Juni dieses Jahres bei Sotheby in London bei 115000 Pfund zurückgenommen werden. Vier Jahre zuvor war das Bild in Paris für den damals spektakulären Preis von umgerechnet 136 000 Pfund (ohne Aufgeld) einem Kunsthändler zugeschlagen worden, der es seither mehreren Kunden vergeblich anbot. Picassos Bildnis der Dora Maar von 1941, das ein Japaner 1973 in New York für 180 000 Dollar ersteigert hatte, brachte im Oktober dieses Jahres nur noch 130 000 Dollar.

Aber auch auf längere Frist gesehen läßt sich mit den meisten Kunstwerken nur der Gegenwert des Geldes erhalten. Darüber können auch die selbstsicheren Angaben vor allem der angelsächsischen Versteigerer über Auktionserlöse von vorgestern und heute nicht hinwegtäuschen. Auch bei Gemälden, Zeichnungen, Graphiken oder Antiquitäten, die heute das Doppelte bringen wie 1964, darf nicht vergessen werden, daß die Inflation mitgefahren ist. Siebenprozentige Pfandbriefe hätten den gleichen Gewinn gebracht.

Solche Erkenntnis beginnt sich freilich erst allmählich herumzusprechen. Viele Sammler, die in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre – mit den immer neuen Rekordpreisen im Ohr und der Hoffnung auf den großen Spekulationsgewinn im Sinn – oft zweit- und drittklassige Werke zu hochgetriebenen Preisen kauften, haben noch nicht gemerkt, daß die Zeit der großen Spekulation vorbei ist – zumindest vorläufig. Sie versuchen nun, ihre mutmaßlichen Gewinne einzulösen, indem sie ihre Objekte – versehen mit überzogenen Limits – auf die Auktionen geben; Das Resultat: Die Stücke gehen an den Einlieferer zurück und nähren das Gerücht von der allgemeinen Krise des Kunstmarkts.

Auf solche Fehlspekulation waren größtenteils jene Hiobsbotschaften zurückzuführen, die im Sommer über den Kanal und Anfang November über den Atlantik kamen. Wegen zu hoch angesetzten Limits der Einlieferer konnte auf den Auktionen teilweise nur die Hälfte der angebotenen Stücke abgesetzt werden. Nicht nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung konstatierte daraufhin "starke Einbrüche auf dem Kunstmarkt".

Von einem Erdrutsch kann und konnte freilich keine Rede sein, am ehesten noch von einer Rückkehr zur vernünftigen Bewertung verschiedener Qualitäten. Spitzenware, überhaupt gute Qualität hat nach wie vor ihren Preis. Das beweist nicht zuletzt die Tatsache, daß auch im vergangenen Jahr immer wieder Rekordpreise für erstklassige und gesuchte Objekte gezahlt wurden.