Seit die russischen Konstruktivisten international wiederentdeckt wurden, werden nicht nur für ihre Bilder, sondern auch für ihre Graphik immer höhere Preise gefordert – und gezahlt. El Lissitzkys Graphik-Mappe "Proun" erzielte im Sommer in Hamburg 125 000 Mark, seine Litho-Folge "Die plastische Gestaltung der elektromechanischen Schau..." die 1961 erst 7400 Franken wert war und noch 1971 von Hauswedell & Nolte auf nur 24 000 Mark geschätzt worden war, brachte 182 000 Franken (rund 167 000 Mark).

Bemerkenswerter als solche Preisentwicklungen ist die Ausdehnung des Kunsthandels auf Gebiete, die bisher gar nicht oder nur von ein paar Spezialisten beachtet wurden. Das spektakulärste Beispiel dieser Neuentdeckungen sind frühe Photographien und technisches Zubehör, vor allem Kameras, aus den Anfangsjahren der Lichtbildnerei. Für die "Inkunabeln" der Photographie werden heute nicht selten hohe vierstellige Summen bezahlt. Am 18. Oktober kam bei Sotheby gleich ein ganzes Album mit 92 Aufnahmen von Julia Margaret Cameron aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter den Hammer. Es erzielte den sensationellen Preis von 312 000 Mark. Daß hier ein Sammelgebiet mit Zukunft entdeckt wurde, bestätigten übrigens auch die Erfolge der Photo-Galerien auf den Messen in Basel und Köln.

Immer weiter ausgebaut werden auch Sammelgebiete wie Kostüme, Musikautomaten, Eisenbahnmodelle, Spielzeug (insbesondere Puppen) und seit jüngstem die Produkte der sogenannten Art Déco, des Kunstgewerbes der zwanziger und dreißiger Jahre. Es gehört keine Sehergabe dazu um vorauszusagen, daß demnächst auch die kunsthandwerklichen Gegenstände der vierziger und fünfziger Jahre auf dem Kunstmarkt auftauchen werden.

Kunstmarkt-Kenner sind der Meinung, daß erst das nächste Frühjahr erweisen wird, ob sich Kunst-Käufer wieder auf einen schnelleren Preisanstieg einstellen müssen. Ausschlaggebend dafür wird die allgemeine Lage der Weltwirtschaft sein, denn neue Käuferschichten, die die Preisentwicklung anheizen könnten, sind derzeit nicht in Sicht. Daß Araber nun zuweilen auch Kunstwerke kaufen und englische Kunsthandels-Newcomer vor Ort versuchen, die Ölgelder der Scheichs auf künstlerische Werte abzulenken, ist zwar eine Tatsache, aber wohl noch lange kein Trend.

Immerhin, ein Gerücht sind die Araber auf dem Kunstmarkt schon wert: Peter Wilson, Chairman von Sotheby, soll – so eine Meldung der New York Times – bereits arabisch lernen.